Nive Nielsen ist Inuit, kommt aus dem grönländischen Nuuk und lebt laut Informationsblatt »nicht in einem Iglu.«
Musik aus dem Tiefkühlschrank der Erde? Mitnichten! Wenn Künstler wie Howe Gelb und John Parish (beide Giant Sand) mit von der Partie sind, muss man sich wohl eher auf etwas anderes gefasst machen.
Nielsen spielte eine kleine, rote Ukulele, schauspielerte neben Colin Farrell in dem Hollywood-Film "The New World", bekam einen IMA Independent Music Award und moderiert mehrere Kinder- sowie Jugendsendungen im Fernsehen.
Für die Aufnahmen der vierzehn Songs ist man innerhalb von zwei Jahren quasi um die halbe Welt gereist. Stationen waren England, Kanada, Belgien, Amerika und Nielsens Dachboden in Nuuk. In ihrer Band The Deer Children spielen Musiker der Bands Black Keys, Hangedup, Wolf Parade, Unicorns oder Evangelista. Gitarrist und Keyboarder Jan de Vroede ist ihr Freund.
Die Künstlerin und "Nive Sings!" sind gar nicht so leicht in eine Genre-Schublade zu stecken. Aus der Kargheit ihrer Heimat heraus hat Nielsen wunderschön anmutende Lieder komponiert, die zum Teil sehr schlicht arrangiert wurden. Die Protagonistin singt abwechslungsreich. Die Stimmbänder pendeln zwischen elfenhaften und kindlichen Stimmungen. Hier und da darf man auch von Vocal Jazz sprechen.
Die Kompositionen sind sehr eigentümlich und mit ganz unterschiedlichen Stimmungen versehen. Mal umschmeichelt man den Hörer mit herrlich sanftem Liedgut, dann legen Nielsen & Co. plötzlich einen schroffen, hartkantige Psychedelic an den Tag oder bringen solche Instrumente wie eine singende Säge auf den Plan. Ach so, Kombinationen aus dem gerade Beschriebenen gehen ebenfalls zusammen und funktionieren auch noch. Nive Nielsen beantwortet die Frage, wie ein Walzer nach grönländischer Art klingt und als instrumentaler Freund ist ihre kleine, rote Ukulele fast immer dabei.
Es ist schon erstaunlich, wie man einen solch obskuren Klangraum zaubern kann. Nive Nielsen und "Nive Sings!" sind kosmomusikalische Kunst, deren Quelle sich in Grönland befindet. In ihrer Heimat mag man auf die absurdesten Ideen kommen, oder wie begründen sich Titel wie "Vacuum Cleaner Killer", "My Coffee Boy" oder "Rock'n'Roll (For Abner Jay)". Nielsen definiert auf ihre selbstbewusste Art und Weise diesen Musikstil neu. Hier rotiert der Petticoat in Zeitlupe oder wird im Zeitraffer abgespult. Nielsens Rock'n'Roll hat den Blues.
"Vacuum Cleaner Killer" mit John Parish an der psychedelisch-lauten, alles überlagernden E-Gitarre ist eine ganz beklemmend-düstere Nummer. Nach den zweieinhalb Minuten weiß man, wie sich vom Saugrohr verschlungene Spinnen im Staubbeutel fühlen müssen. "My Coffee Boy" ist luftig-schwebendes Singer/Songwriter-Material mit im Hintergrund jazzig aufspielender, gedämpfter Trompete.
Ach, wie herrlich ist "Done & Gone"! Piano-Töne perlen aus den Lautsprechern und wenn noch der sanfte Bass dazukommt, dann ist ein Highlight der Platte schon beschrieben. Trotzdem kann man nicht anders. Es gesellen sich äußerst schräge E-Gitarrenriffs dazu und reißen den Hörer aus seinen schönsten Träumen. Kaum zu glauben, aber mit "Tuttkasik" marschieren die Frau und ihre Band durch die Straßen von New Orleans. Alle Passanten bleiben am Bordstein stehen.
Nive Nielsen ist extrem und fasziniert vielleicht deswegen den Hörer. "Nive Sings!" ist zum größten Teil Musik, die weit über den Tellerrand blickt. Gibt es dort noch Bodenhaftung? Das Album wandert an der Abrisskante zum Abgrund und trotzdem fällt es nicht in die Tiefe. Die Platte selbst hat Tiefe und "Uulia" den Groove ... auf Nielsen-Art. Das Debüt der Grönländerin ist gehaltvoll und in seiner Individualität unschlagbar. Sehr wohl ist das offene Ohr gefordert.
Line-up:
Nive Nielsen (vocals, guitar, ukulele)
Jan de Vroede (electric guitar, keyboards)
The Deer Children:
Alain Auger (guitar, drums, bass, slide - #1,3,6,13)
Alden Penner (guitar, bass - #4)
Anders Pedersen (guitar - #8)
Angu Motzfeldt (vocals, guitar - #2,5)
Eric Craven (drums - #6)
Giselle C. Webber (guitar, bass, vocals - #10)
Howe Gelb (piano, guitar, vocals - #5,11)
John Birdsong (horns - #8)
John Parish (drums, guitar, trombone - #2,5,7,10,11)
Lisa Gamble (saw, banjo - #6)
Matt Bauer (banjo - #12)
Peter Dombernowsky (drums - #8)
Ralph Carney (horns, reeds - #3,7,12,14)
Patrick Carney (drums - #14)
| Tracklist |
01:Room (4:37)
02:Good For You (2:53)
03:Aqqusernit (2:49)
04:Autoharps! (1:20)
05:Pirate Song (2:25)
06:Dear Leopold (3:09)
07:My Coffee Boy (2:34)
08:Circumstances (4:33)
09:Rock'n'Roll (For Abner Jay) (1:38)
10:Vacuum Cleaner Killer (2:31)
11:Done & Gone (4:00)
12:Winter Song (2:47)
13:Uulia (3:22)
14:Tuttukasik (2:53)
(all songs written by Nive Nielsen, except #2 by Nive Nielsen & Angu Motzfeldt)
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