Novalis / Letztes Konzert 1984
Letztes Konzert 1984 Spielzeit: 40:14 (CD 1), 43:22 (CD 2)
Medium: Do-CD
Label: MIG Music, 2010
Stil: Kraut Rock


Review vom 29.01.2010


Steve Braun
»Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken / Der wird im Mondschein ungestört von Furcht die Nacht entdecken«: Solche herrlich verschraubten Texte mit durchaus hochkarätiger Rockmusik verschmolzen zu haben, ist das Verdienst von Novalis.
Die Lyrik dieser Hamburger Band, die ihre Heydays mit dem österreichischen Sänger Fred Mühlböck hatten, lehnte sich stark an den Namensgeber, den Frühromantiker Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, der unter dem Pseudonym 'Novalis' verträumt-verhuscht dichtete, an. Trotz dieses 'Textschwurbels' waren Novalis eindeutig ein Kind der 70er Jahre und der oftmals despektierlich 'Kraut Rock' genannten Spielart des deutschen Art-Rock.
Wie war das denn damals in den goldenen 70ern des vergangenen Jahrhunderts? Die Grundhaltung war rebellisch und die Gesinnung revolutionär, auch wenn diese Sinne zumeist von alternativen Rauchwaren umnebelt waren. Klein-Steve stand zwar, was deutschen Rock anging, mehr auf den Anarcho-Rock von
Ton, Steine, Scherben und der Schroeder Roadshow, aber auch 'Schöngeistigem' war der damals Halbwüchsige durchaus nicht abgeneigt. Als Novalis mit dem 79er Konzeptalbum "Flossenengel" einen Aufruf gegen den internationalen Walfang veröffentlichten, traf man exakt den 'grünen' Nerv der damaligen Zeit.
Musikalisch war es vor allem Lutz Rahns mächtige Hammond B3, die den Songs sphärische, Yes'sche und ELP'sche Dimensionen verlieh. Bei einem Ratequiz würden die Teilnehmer mit Sicherheit vermuten, ein Keith Emerson würde hier die Tasten malträtieren. Die Hammond, wohl das 'organischste' Instrument in der Rock- und Bluesmusik, keucht, schnauft, brüllt und greint, dass es eine wahre Wonne ist (um jetzt 'mal in des Dichterfürsten Jargon zu bleiben). Leider machte auch vor Novalis die Krätze des Keyboardsounds, der polyphone Synthesizer, der spätestens mit der 'Neuen Deutschen Welle' extrem zu nerven begann, nicht halt; aber das ist ein Thema für sich...
Apropos NDW: Dieses Geplärre war der Todesstoss für Novalis, wie für viele andere. Die Band geriet, wie die meisten künstlerisch anspruchsvollen Interpreten, gewaltig unter den Druck der 'Goldenen Kälber': Verkaufszahlen und Radio-Airplay. Ab dem 80er Album "Augenblicke" konnte man dies auch bei den Hamburgern deutlich wahrnehmen. Die Songs wurden knackiger, kompakter arrangiert und trotzdem wollte das alles nicht mehr zeitgemäß klingen. Der charismatische Sänger Fred Mühlböck spürte diese Agonie wohl als Erster und so stieg er nach diesem Abend, 1984 im heimischen Hamburg, bei Novalis aus. Die vorliegende Doppel-Scheibe "Letztes Konzert 1984" bringt nun der Nachwelt dieses verschollene Ereignis in Erinnerung.
Sound-Puristen werden sich mit Sicherheit an der Klangqualität der Aufnahmen reiben. Sind wir ehrlich: "Letztes Konzert 1984" weist nur die Qualität eines guten Bootlegs vor. Aber: Spielt das bei der historischen Dimension dieses Konzertes überhaupt eine Rolle? Novalis waren eine der wichtigsten 'Kraut' Rock-Bands und ihre Fans, ob sie nun dabei waren oder nicht, werden sich garantiert über diesen 'Doppeldecker' freuen. Zumal nicht nur ich persönlich - da bin ich ganz Blueser - solche authentischen Aufnahmen viel lieber als eiskalte 'Hochglanzproduktionen' mag. Obendrein wird der Sound wohl kaum zur Kaufentscheidung beitragen: Novalis-Fans werden das Teil sowieso kaufen während die, die eben Schmetterlinge nie lachen hörten und nie den Geschmack der Wolken zur Kenntnis nahmen, dieses "Letzte Konzert" nicht einmal mit 'spitzen Fingern' anfassen dürften.
Eingängige Rocker, sphärisch-wabernde Instrumentals und inspirierte Klang-Collagen wechseln sich munter ab. "Ich hab noch nicht gelernt zu lieben", so etwas wie ein kleiner Hit Novalis', rockt mit einer ungemeinen Spielfreude - vor allem von Gitarrist Detlef Job - nach vorn, ebenso wie das folgende "Cassandra", dem Album "Augenblicke" entliehen. Dagegen dokumentiert "Spazieren am Morgen", aus dem zu diesem Zeitpunkt aktuellen Album "Bumerang", den kreativen Niedergang der Band. Erster Höhepunkt ist "Vielleicht bin ich ein Clown" - ein Song, der Hymnencharakter entwickelte. Fred Mühlböck tanzte zu diesem Stück immer wie Angelo Branduardi über die Bühne oder spazierte, als Clown verkleidet, durch das Publikum. Ein furioses Flötensolo krönt wie stets diesen Song. Bärenstark auch "Rückkehr" aus dem wohl besten Novalis-Album, "Flossenengel". Lange vor "Free Willie" wird hier der Wal Atlanto aus der menschlichen Gefangenschaft befreit.
Dem folgt ein Dreierblock aus dem 83er "Sterntaucher"-Album. Hier zeigt sich erneut der Kampf der Band mit dem Zeitgeist. Reggae-Rhythmen, wie im Titelsong dieser Scheibe, waren dem Fan nicht mehr zu vermitteln. Bombastisch und barock sind dagegen die beiden letzten Nummern von "Letztes Konzert 1984" ausgefallen: "Grenzen" und das feurige Medley aus den "...Schmetterlingen..." und "Irgendwo, Irgendwann", das die Zugabe darstellte. Hier zieht die Band noch einmal alle kreativen Register.
Schön, dass im Zug der Wiederveröffentlichung zahlreicher Alben aus Kraut-Zeiten auch diese 'verschollenen' Live-Aufnahmen uns Fans wieder zugänglich gemacht werden. Wer sich am, trotz des kompetenten Remasterings durch den 'Kraut-Guru' Eroc , recht bescheidenen Sound stören möchte, möge dies gerne tun - alle anderen werden sich über diese Perle freuen.
Line-up:
Fred Mühlböck (Gesang, Flöte, Gitarren, Variophon)
Detlef Job (Gitarren, Gesang)
Lutz Rahn (Tasten)
Heino Schünzel (Bass, Gesang)
Hartwig Biereichel (Schlagzeug)
Tracklist
CD 1:
01:Kein Frieden (3:23)
02:Ich hab noch nicht gelernt zu lieben (4:00)
03:Cassandra (3:25)
04:Spazieren am Morgen (3:56)
05:Nimm meine Hand (4:32)
06:Vielleicht bin ich ein Clown (6:30)
07:Über Stock und Stein (3:56)
08:Bumerang (4:43)
09:Mit den Zugvögeln (3:47)
CD 2:
01:Ansage (0:30)
02:Rückkehr (7:47)
03:Fährmann (4:38)
04:Kleinwenig mehr (3:09)
05:Sterntaucher (5:24)
06:Grenzen (6:46)
07:Wer Schmetterlinge lachen hört / Irgendwo, irgendwann [Medley] (12:18)
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