Nullzwo / Strom
Strom Spielzeit: 45:26
Medium: CD
Label: Hey!blau Records, 2016
Stil: Indie Rock

Review vom 30.06.2016


Ulli Heiser
Mit großen Fragezeichen fing es an, das Review. Und zwar geraume Zeit bevor die CD überhaupt im Briefkasten landete. Es begab sich nämlich, dass eines Tages eine Ansichtskarte ins Haus flatterte. An sich nichts Ungewöhnliches, aber mit dem Text und Absender war nun nichts, aber rein gar nichts anzufangen.
Der Text auf der Karte war von der Art, wie er auf Karten von guten Freunden steht, die von unterwegs an einen denken. Unterschrieben war die Karte mit Pitti und Dschingo. Sie schrieben, dass sie meistens nachts fahren, dass sie abends Brei, Eier und Schnäpse frühstücken, dass sie in sechs Wochen wieder zurückkommen und uns bis dahin eine gute Zeit wünschen. Sollte uns die Karte aus einer Verwechselung heraus erreicht haben? Aber unser Namen sowie Anschrift stimmte. Pitti... wir kennen zwar einige Peter, aber da ist keiner dabei, den man Pitti nennt und keiner, der mit einem Dschingo in Verbindung zu bringen wäre. Moment, auf der Karte steht auch, dass Pitti im Handschuhfach sieben Euro gefunden hat und die beiden davon tanken wollen. Wir hatten kurze Zeit vorher ein Auto verkauft. Sollten das die Käufer sein und klar, unsere Adresse steht in den KFZ-Papieren...

Nach ein paar Tagen weiteren Rumrätselns haben wir die Karte vergessen. Bis der Postmann u. a. ein Kuvert brachte, in dem neben einer CD ein Teil einer durchgerissen Ansichtskarte war. Das Motiv der Karte, ein roter Opel B-Kadett, war das gleiche. Auf der Rückseite des Fetzens war eine To do-Liste und nun fiel der Groschen. Pitti und Dschingo sind Nullzwo und haben wohl eine der geilsten Ideen gehabt, Promoscheiben an die schreibende Zunft zu bringen. Mir jedenfalls ist so eine Aktion in den vielen vergangenen Jahren noch nicht untergekommen.
Wer seine Musik so an die Frau und den Mann bringt, hat ein Anliegen das ihm wichtig ist. Klar, das haben andere auch, machen sich aber kaum diese Mühe bzw. Vorarbeit. Nullzwo, so kann man auf der Bandseite lesen, ist eine Studioband, eine deutschsprachige. Eine mit »Reibungsfläche«. Eine die auf Deutsch singt, weil sie was zu sagen hat. "Strom" ist nach "Schalter" (2013) das zweite Album der Beiden und ein persönliches. »Eine rote Laterne«.
»Die zwölf Lieder erzählen von der Zeit, die in uns reist, während wir mit Riesen kegeln. Wir haben heute von allem mehr: Fragen und Antworten. Und wir haben mehr Bilder als Rahmen«.
Gleich der Opener "Neues Gesicht" begeistert mit einer tollen Bassarbeit, mit Indie Rock-Anleihen der psychedelischen Art und sehr angenehmer Stimme, der man gerne folgt. Textlich wird auch nicht im seichten gefischt, "Strom" ist ein Fluss in die Erinnerung der beiden Musiker. Aber man darf einsteigen in den roten B-Kadett und mitfahren, denn ein jeder wird wohl in den zwölf Tracks und deren Lyrics auch eigene Momente finden. Und ich denke, das ist mit ein Grund, wieso Pitti und Dschingo in ihrer Muttersprache singen.
In "Dreimal" wird das ruhige Fahrwasser durch eine metallisch angehauchte Gitarre geteilt. Wie sich eben auch im richtigen Leben die Stimmungen ändern. Aber der berühmte rote Faden ist ein eher psychedelischer. Einer der mich gerade durch das Timbre der Gitarre, der Rhythmen, der Songstrukturen, der Melodien, der Art, wie alle eingesetzten Instrumente miteinander kommunizieren sehr angenehm an ein wunderbares Album denken lässt: an Funeral von Red Hill aus dem Hunsrück.
Wie diese Band ist es auch "Nullzwo" vergönnt, Stimmungen musikalisch auf beeindruckende Weise zu transportieren. Pitti und Dschingo sind daneben wunderbar aufeinander eingespielt. Die Balance zwischen Gesang, führendem Instrument und Begleitung, oder besser Unterstützung, ist genau austariert. "Strom" ist ein Roadmovie, eines, das nicht im Tesla spielt, sondern sich eines alten Kadetts bedient. So führt die Reise der beiden Protagonisten auch eher rückwärts. So wie es von Pitti und Dschingo beschrieben wird: »... flussaufwärts in die eigene Erinnerung und Kindheit ...«
Solche Karten bitte immer wieder gerne, lieber Briefträger. Und was die Musik angeht: Indie made in Germany at it's best, gerade auch der deutschen Texte wegen.
Line-up:
Pitti Weidenhof (Gitarre, Bass)
Dschingo Herrendienst (Gesang, Schlagzeug)
Tracklist
01:Neues Gesicht
02:Dreimal
03:Regen
04:Stark
05:So oder so
06:ngleichgewicht
07:Von spät bis früh
08:Weiter spielen
09:Anker
10:Heute nicht
11:Vorbei
12:Eines Tages
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