In vielerlei Hinsicht war 2011 das 'Year One' für Outside The Box.
Rocktimes Interview Outside The Box legten mit ihrem Debütalbum "Bridge" einen derart furiosen Erstling vor, dass dem Rezensenten sprichwörtlich die Kinnlade herunterklappte. Mit grundehrlichem, rauem, hemdsärmeligen und sich mit Gefühlen überschlagendem Rock wurden 'Hirn' wie 'Eier' gleichermaßen angesprochen.

"Bridge" war also das Paradebeispiel für ein Debüt, dass neugierig darauf macht, wie die Musiker, die dafür verantwortlich zeichnen, eigentlich so 'ticken'.

RockTimes hatte nun die Möglichkeit, dem Sänger und Songwriter Jeff Cafone per E-Mail ein paar Fragen zu "Bridge", ihrer Arbeitsweise und ihrem Background zu stellen


Interview vom 05.03.2012


Steve Braun
RockTimes: Zunächst erstmal vielen Dank, Jeffrey, dass Du Dir die Zeit nimmst, unsere Fragen per Mails zu beantworten. Ich hatte gerade das Vergnügen, Bridge zu besprechen und war von der Urgewalt der Songs beeindruckt. Wie lange habt ihr diese Songs entwickelt, an diesem Album gearbeitet?
Jeff Cafone: Ich danke Dir ebenfalls. "Bridge" war unser erstes 'richtiges' Album. Die Songs haben wir über einen Zeitraum von fünf, sechs Jahren geschrieben. Im Grunde genommen haben wir in der ganzen Zeit auf dieses Album hingearbeitet. Bevor wir das Projekt starteten, haben wir aus unseren besten 27 Songs eine Vorauswahl von 14 Titeln getroffen - letztlich sind 11 davon auf dem Album gelandet.
RockTimes: Was bedeutet der Titel? Was 'verbindet' dieses Album?
Jeff Cafone: Der Titel hat zwei Bedeutungen. Ich fühle, dass "Bridge" eine Brücke zwischen unserer musikalischen Jugend und dem 'Erwachsenenalter' ist. Ich denke, dass wir an der großen Aufgabe persönlich und musikalisch gewachsen sind. Im buchstäblichen Sinn stellt "Bridge" tatsächlich eine Verbindung zwischen meinem früheren Wohnort New Jersey und New York City, wo ich heute lebe, dar. Die beiden Staaten sind einander geografisch sehr nahe. Beide Orte scheinen durch Welten von einander getrennt und sind tatsächlich durch zwei große Tunnel und zwei Brücken verbunden. New York City ist mehr als nur ein Ort für mich. Er bedeutet für mich ein Gefühl, das ich noch nirgendwo anders hatte.
RockTimes: Ihr habt euch 2004 gegründet. Weshalb sollte es sechs Jahre bis zum Erscheinen von "Bridge" dauern?
Jeff Cafone: Mark Masefield und ich gründeten die Band, als wir 14 bzw. 15 Jahre alt waren. In diesem Alter kann man noch nicht ernsthaft an ein Album denken. Wir haben die Jahre genutzt, zu lernen, gemeinsam auf der Bühne zu spielen und Songs zu schreiben. Wir waren immer sehr angetrieben und hatten viele Ziele - ein Album gehörte damals nicht dazu. Ich spielte Hockey, baute Mini-Motorräder, baute Gitarren, aß eine Unmenge Sushi und habe wirklich hart gearbeitet, um einen Platz an einer guten Universität in NYC zu bekommen.
Die Songs, die ich damals schrieb, waren vielleicht etwas aufgesetzt und angeberisch, weil die Texte nicht aus dem wirklichen Leben heraus gewachsen waren. Ich orientierte mich eher an den 'großen Themen' des Rock'n'Roll. Es braucht unendlich viel Zeit, um seine musikalischen Vorlieben und ein 'Ohr' zum Zuhören und schließlich seinen eigenen Stil zu entwickeln. Große Musiker hören nie auf, sich zu verändern, zu wachsen und zu expandieren. Genau das wünschen wir uns.
Ende 2010 spürten wir, dass die Zeit für unser erstes Album gekommen war. Ich denke, es war die genau richtige Entscheidung. Wir sind sehr stolz auf "Bridge'. In vielerlei Hinsicht war 2011 das 'Year One' für Outside The Box. Jetzt ist es Zeit, um auf dieser Dynamik aufbauen und in Richtung zukünftiger Projekte zu schauen.
RockTimes: Wer ist "Robert Schaeffer"? Für wen hast Du diesen Song geschrieben?
Jeff Cafone: Robert Schaeffer existiert tatsächlich - ich habe ihn allerdings nie persönlich getroffen. Er stammt aus New Jersey und ist Abteilungsleiter in der Behörde einer kleinen Stadt. Das ist alles, was ich über den wahren Robert Schaeffer weiß. Der Song ist allerdings nicht auf eine bestimmte Person gemünzt. Es geht eher um eine Hommage an all die scheinbar trivialen und zufälligen Dinge im Leben eines durchschnittlichen Menschen. Die kleinen Details, das 'Make-up' ihrer Persönlichkeit, geben diesen Menschen ihren einzigartigen Charakter - das ist, was wirklich zählt.
Du schreibst ja offenbar alle Songs. Wie sieht es mit den Arrangements aus? Sind da alle Bandmitglieder beteiligt?
Jeff Cafone: Alle Bandmitglieder bringen sich sehr stark in die Arrangements ein. Normalerweise schreibe ich die Musik und die Texte zuhause mit Hilfe einer akustischen Gitarre, zumeist beides gleichzeitig. Ich kann es mir nicht vorstellen, das eine ohne das andere zu schreiben. Wenn die generellen Strukturen klar sind, bringe ich den Song in die Band. Jeder der Jungs setzen ihre eigenen Parts, ihre 'Fingerabdrücke' in den Song. Jeder trägt etwas Besonderes bei und so wird das Stück auf eine neue Ebene gehoben. Schließlich ergeben sich Änderungen oftmals noch spontan, während Live-Shows beispielsweise. Bei den Aufnahme-Sessions kamen dann die letzten Feinheiten hinzu.
RockTimes: Welche Gitarren und Amps bevorzugst Du und warum?
Jeff Cafone: Hauptsächlich nutze ich eine 2004er Fender Custom Strat, gelegentlich auch eine Gibson Johnny A oder eine 'Custom', die ich vor ein paar Jahren selbst gebaut habe. Ich schalte zwischen einem Fender Vibrolux- und einem Fender Deville-Amp hin und her, als Pedal nutze ich ein Full Tone Full-Drive - sonst nichts!
RockTimes: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jeff Kazee von den Ashbury Jukes?
Jeff Cafone: Wir haben Kazee durch Southside Johnny kennengelernt. Wir haben einen ganz ähnlichen Musikgeschmack und ziehen unsere Einflüsse von Bands wie Wilco, Hold Steady, Rolling Stones natürlich Bruce, Elvis Costello und andere. Kazee öffnete uns neue Herangehensweisen im Studio. Er zog uns in eine produktive Richtung, regte uns zur Spontanität an und hat unsere Stärken ausgespielt, musikalisch wie gesanglich. Ich bin wirklich glücklich mit dem Ergebnis. Seine 'Fingerabdrücke' sind auf dem ganzen Album zu finden, sowohl offen als auch in einer sehr subtilen Art und Weise. Er ist ein phänomenaler Keyboardplayer und ein ebensolcher Sänger. Wir nahmen "I Think It's Love" in einem Take mit nur wenigen Overdubs auf. Kazee spielt bei dem Song Piano und Hammond B3 auf "I'm A Bridge" - beides steigert diese Songs exponentiell! Du kannst seine Backing Vocals ganz deutlich auf "Love To See You Leaving" hören.
RockTimes: Wie kam es zum Kontakt mit dem Stone Pony-Club in Ashbury Park und dem Engagement als 'Hausband'?
Jeff Cafone: Erstmals spielten wir im Stone Pony als wir 15 Jahre alt waren. Es dauerte eine lange Zeit, um uns den Status als Hausband zu erarbeiten. Das ist definitiv nicht über Nacht geschehen! Der Pony-Club ist immer noch mein Lieblingsplatz zum Spielen. Der Bühnen-Sound wie das ganze Sound-System sind sehr komfortabel und dynamisch. Es ist einer der besten Orte, um zu singen. Ich denke, wir haben das Stone Pony mehr als irgendjemand außer vielleicht Southside Johnny, Bobby Bandiera und La Bamba gespielt. Es ist stets eine Ehre, dort aufzutreten.
RockTimes: Ihr habt im Stone Pony-Club The Bands "The Last Waltz" in voller Länge gespielt. Was bedeutet dieses Album für Dich?
Jeff Cafone: "The Last Waltz" war der erste Konzertfilm, den ich je gesehen habe. Mark und ich kamen über diesen Film zusammen, als wir 2004 Outside The Box gründeten. Wir versuchten zuerst das Auftreten, die Interviews und die persönlichen Macken der Gäste zu adaptieren, noch bevor wir uns an die Musik wagten. Es war eine Ehre zu "The Last Waltz" am 35. Jahrestag seines Erscheinens im Stone Pony zu performen... und eine Hommage an die Band, die maßgeblich für die Existenz von OTB ist - The Band.
RockTimes: Was mir seit Jahren auffällt: Früher wurde Deutschland zumeist als Teil der 'Old World' betrachtet und höchstens von bekannten US-Künstlern mit einer Tour beehrt. Jetzt kommen immer mehr, auch weniger bekannte Bands auf Tour. Was - glaubst Du - hat sich bezüglich der Wahrnehmung der Old World (speziell Deutschland) in der US-Musikszene verändert?
Jeff Cafone: Die US-Musik-Szene ist wirklich hart. Es gibt eine Menge großartiger Bands, die da draußen herumtouren. Die Kritiker scheinen sich zumeist nur den möglichst bizarr ausgefallenen Music-Acts widmen zu wollen. Sie loben die Bands, die Lärm auf der Bühne machen oder die Computer anbeten. Es gibt von dieser Seite definitiv weniger Liebe zu Rock'n'Roll-Bands, als es früher war. Ich will damit nicht die Musikszene in den US mit allen Mitteln runtermachen, denn es ist - Hold Steady, The Gaslight Anthem und anderen sei Dank - definitiv nicht unmöglich, hier eine erfolgreiche Rockband zu sein. Aber der Markt für Musik, die nicht in die Köpfe für Apple-Ohrhörer tragende Menschen passt, wird durch die Non-Stop-Verbreitung von Musik mit jedem Tag kleiner. Ich habe nichts anderes als große Dinge über die europäischen und vor allem die deutschen Fans gehört! Ich bin bereit, es für mich selbst zu erleben.
RockTimes: Was weißt Du von Deutschland, außer, dass es hier verdammt gutes Bier gibt? ;-)
Jeff Cafone: Ich freue mich auf das Essen. Eines unserer Bandmitglieder hat gerade beschlossen, Veganer zu werden (gibt es überhaupt ein deutsches Wort dafür?!?). Ich habe das Gefühl, dass er etwas verpassen wird! [Anm.: Jeff, Du bist ein Held!!! ;-)] Aber ernsthaft, ich habe eine Menge über die Qualität der deutschen Musikszene und wie toll die Fans sind gehört. Ich freue mich sehr auf den Austausch unserer Musik mit euch allen.
RockTimes: Eine spannende Frage zum Schluss: Ihr kommt aus New York bzw. New Jersey. Zahlreiche Künstler und Bands haben sich mit dem Occupy Wall Street Movement solidarisiert. Wie stehst Du zu dem Anliegen der '99 Prozent'?
Jeff Cafone: Ich wurde vor einigen Wochen in meiner Wohnung überrascht, als ich laute Geräusche von der Bleeker Street, nur einen Block entfernt, hörte. Ich rannte so schnell ich konnte nach draußen, um den Grund für die Aufregung zu erfahren. Ein paar hundert 'Occupiers' marschierten auf der Straße und blockierten den Verkehr, um ihre Meinung kundzutun. Ich landete bei ihnen und marschierte durch die Straßen von Manhattan in dieser Nacht. Es gab ein paar Dutzend Verhaftungen, manche Kämpfe mit der Polizei und eine ganze Menge Unmut. Ich war mitten in der Handlung, aber ich fühlte mich eher wie ein Journalist als ein Demonstrant. Egal, ob man die Ansichten der 'Occupiers' teilt, es ist wirklich schwer zu ignorieren, wie viel Kraft und Emotion in dieser Bewegung steckt. Ich respektiere jeden, der beteiligt ist! Manche Dinge sind auf jeden Fall in diesem Land [Anm.: und nicht nur dort!] durcheinander. Ich mag diese Scheinheiligkeit und Redundanz der Politik und der Politiker nicht!
Aber ich finde es am besten, sich da herauszuhalten. Ich denke, es ist verschwendete Zeit und Energie, sich mit einem kaputten System frustriert herumzuärgern. Anstatt zu versuchen, es zu ändern, ziehe ich vor, das Beste aus meiner persönlichen Situation zu machen und mein Mitgefühl und Respekt für mein persönliches Umfeld aufzubringen. Das Leben ist kurz. Ich würde lieber meine Zeit mit den 'kleinen Dingen' verbringen - die 'großen Dinge' kann ich sowie nicht ändern.
RockTimes: Vielen Dank, Jeff, für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen euch viel Erfolg beim 'Rocking all over the World' - und freuen uns auf die Outside the Box-Tour im Herbst!
Jeff Cafone: Ich freue mich auch schon darauf! Hoffentlich treffen wir uns, um ein persönliches Gespräch zu führen.
Wir danken erneut Carmen von Teenage Head Music, die dieses E-Mail-Interview ermöglichte.
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