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Um mal ganz ehrlich zu sein, waren mir Genrebezeichnungen der Marke Post Rock oder Post Punk Zeit meines Lebens immer schon etwas suspekt. Was soll das sein? Eine »Die Welt ist untergegangen/Wir rollen alles neu von vorne auf«-Aufbruchsstimmung? Okay, durchgesetzt hat sich das alles nicht, aber an Weltuntergangsstimmung erinnert die amerikanische Band Pissed Jeans schon etwas, sei es durch psychotisch anmutende Einlagen oder auch eine gewisse musikalische wie textliche Lethargie, die ihresgleichen sucht.
Aber um mal ganz am Anfang zu beginnen, gründete sich das Quartett aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania 2004. Bereits im Folgejahr erschien das nun neu aufgelegte (zwischendurch jahrelang nicht mehr erhältliche) Debüt "Shallow", das mit seinen acht Tracks und knapp 33 Minuten für alle, die sich dazu berufen fühlen, jede Menge Alarm macht. Sowohl der Opener "I'm Sick" wie auch das folgende "Boring Girls" kommen mit einer gesunden Portion Wahnsinn um die Ecke, gepaart mit einem fetten Batzen an frustrierter Gleichgültigkeit was die große weite Welt im Allgemeinen sowie persönliche Beziehungen im Besonderen betrifft.
Diese Grundaussage wird allerdings durch die gefühlsbetonten Ausbrüche des Sängers und auch der Instrumentalisten wieder ad absurdum geführt. Ist es lediglich Selbstmitleid oder doch eher ein verzweifelter Schrei nach draußen in der (vom Bewusstsein unterdrückten) Hoffnung, dass sich vielleicht doch alles irgendwie ändern könnte?
Wie dem auch sei, die Pissed Jeans spielen auf "Shallow" derben, rumpeligen Punk Rock wie ihn sich Combos der Marke Tote Hosen oder so ziemlich alle heute aktuellen (aber mal im Ernst, waren/sind diese Bands jemals wirklich Punk Rock gewesen???) niemals getraut hätten, zu veröffentlichen. Auf den hier vorliegenden acht Songs gibt es keine Kompromisse, kein Zurück, keine weißen Flaggen, kein Morgen. Jetzt oder nie, ich bin hier und hau es raus, scheiß auf den kompletten Rest von euch und die gesamte Welt.
Und kompromisslos ist die gute halbe Stunde tatsächlich. Anstrengend ist sie, nicht einfach zugänglich und fordernd. Kann man sich darauf einlassen, driftet man in Geistesverfassungen ab (bzw. kann diese nachvollziehen), die zwar nicht immer schön zu besuchen sind, dennoch aber in uns allen stecken und nicht nur raus wollen, sondern sogar müssen, falls nicht irgendwann die Zwangsjacke der nächstbesten Funny Farm das angesteuerte Ziel ist.
Die Musik der Pissed Jeans ist nicht melodisch, sie versucht eigentlich gar nicht wirklich, Fans für sich zu erobern. Vielmehr wirkt sie wie ein Selbsthilfeprogramm für eine knappe Handvoll Leute, die mehr oder weniger auf der Kippe zwischen der sogenannten Normalität und dem Wahnsinn stehen. Getrieben von einer unbändigen Wut, die sich aus all den Ungerechtigkeiten des Lebens und den sich daraus ergebenden Verletzungen des Individuums nährt.
Yeah baby, "Shallow" ist alles andere als einfach, aber die Scheibe entfaltet durchaus ihren Sinn, falls man noch einen Draht zu seinem inneren Selbst hat und offen für diese (oder jede andere Art) von Mucke ist.
Line-up:
Matt Korvette (vocals)
Bradley Fry (guitars)
Dave Rosenstraus (bass)
Tim Wynarczuk (drums)
| Tracklist |
01:I'm Sick
02:Boring Girls
03:Ugly Twin (I've Got)
04:Ashamed Of My Cum
05:Closet Marine
06:I Broke My Own Heart
07:Little Sorrell
08:Wachovia
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