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Neulich beim Vaterschaftstest. Drei Herren gesetzteren Alters vertreiben sich die Zeit im Wartezimmer. Einer dreht nervös Däumchen, ein anderer blättert fahrig im "Rolling Stone", der dritte geht gedankenverloren auf und ab. Die Zeit schleppt sich dahin. »Eigentlich doch klar«, durchbricht Leonard Cohen das Schweigen, »dass er mein Junge ist! Hört euch nur mal "The Wall" an! Diese Harmonien, der poetische Text … besser kann man eine Beziehung im Emotionsstau nicht rüberbringen. Schon der tolle Wechselgesang mit der stimmgewaltigen Lady! Das hätte ich genau so gemacht!«
Verquollene Augen heben sich über die Seiten des "Rolling Stone" und Tom Waits erwidert: »Lass mal stecken, Lenny! Seine Stimme ist so soft wie deine, als du noch'n schmucker Youngster warst. Dann hört sich's aber schon auf mit der Ähnlichkeit. Romantisches Liebesgedöns is' ja auch nur eine Seite des Bierdeckels. Aber in "Bring Back The Night" zeigt der Junge, was er wirklich kann. Da gehts ums wahre Leben. Als die ersten Riffs aus meinem Player rotzten, war mir klar: das ist mein Sohn!«
Der dritte im Bunde hatte das Hin- und Herlaufen eingestellt und amüsiert zugehört. »Sorry, Leute«, unterbrach Van Morrison seine Vorredner mit überlegenem Grinsen, »aber ihr habt eins übersehen. Klar kann der Kleine Lovesongs daherschmachten und whiskyselig die Nacht anheulen. Aber er hat was, das euch beiden fehlt: Soul! Und da brauch ich keinen einzelnen Song 'rauspicken', das zieht sich durch das ganze Album! Logisch, dass ich der Daddy bin!«
Verlassen wir kurz das imaginäre Männergespräch in einer amerikanischen Arztpraxis. Zur Erläuterung: die Rede ist von dem gar nicht mehr so jungen Sänger Sean Rowe, der 2012 sein zweites Album "The Salesman And The Shark" vorlegte. Sein Debüt Magic war im Vorjahr erschienen und präsentierte einen hoffnungsvollen Newcomer, der nach langen Jahren des Tourens durch kleine Clubs, verqualmte Kaschemmen und ländliche Gemeindehäuser mit immerhin schon 36 Jahren den Schritt ins Business wagte. Bereits "Magic erhielt gute Kritiken, änderte aber noch nicht viel an Rowes Status als Geheimtipp.
Mit dem vorliegenden Follow-up könnte er aber endlich durchstarten. Sean Rowe zeigt sich hier als gereifter Künstler, der weitaus mehr als nur das pure Handwerk beherrscht. Er hat bezüglich seiner Musik nicht nur Ideale, er setzt sie auch um. So wurden die Songs allesamt in den legendären Fox Studios in Los Angeles aufgenommen. Man schleppte eigens dafür das originale Soundboard in die heiligen Hallen, auf dem bereits solche Meilensteine der Popgeschichte wie Exile On Main Street der Rolling Stones und "Smile" von den Beach Boys eingespielt wurden. Auf digitalen Schnickschnack und computergenerierte Nachbearbeitung wurde bewusst verzichtet. Sean Rowe wollte die Musik so urwüchsig wie möglich einfangen. Klar, dass alle Aufnahmen live im Studio eingespielt wurden. Zur Verwendung kam nur ein klassisches Bandinstrumentarium - Gitarre, Piano, Bass, Schlagzeug, dazu noch ein Streichoktett und ein Vibraphon.
Die Liveathmosphäre kommt herüber, die Unmittelbarkeit des Ausdrucks verleiht den Kompositionen größtmögliche Authentizität. Das Zusammenspiel der Musiker ist so traumwandlerisch wie jenes der Grateful Dead in ihren inspiriertesten Momenten. Auch die stilistische Bandbreite ist weit gefächert - vom holprigen Hillbilly über flockig-folkige Songwriterballaden bis hin zu Blues, Soul und rauen Rocknummern ist so ziemlich alles vertreten, was im Sammelsurium 'Americana' so unterwegs ist. An welche großen Stimmen der Popgeschichte Rowes Sangesorgan erinnert, muss ich hier nicht mehr erwähnen. Mit den vokalistischen Ziehvätern verbindet Rowe aber nicht nur der dunkle, weiche Bariton, sondern auch das kompositorische und textliche Können. Inhaltlich wandeln die Stücke zwischen Großstadtromantik und Naturverbundenheit hin und her. Wenn der charismatische Sänger nach längerem Touren mal wieder die Nase vom städtischen Leben voll hat, zieht er sich gerne in die unberührte Wildnis zurück. Wahrscheinlich benötigt er diese Abgeschiedenheit, um derart persönliche, dichte Songs wie auf "The Salesman And The Shark" zu kreieren.
Ob er nun introvertiert daherkommt oder, wie in "Horses", auch mal die Zügel schleifen lässt, das Ergebnis sind immer wieder ausgefeilte, ausdrucksstarke Nummern, die allesamt das Potential hätten, zu Klassikern der Rockgeschichte zu werden.
Hier geht jemand back to the roots, aber eben nicht aus trendanalytischen Überlegungen, sondern aus Überzeugung. Sean Rowe spielt einfach die Musik, die in ihm ist. Und das ist sie seit frühester Kindheit. Er stammt aus einem Haushalt, in dem viel gesungen und Musik gehört wurde. Die Eltern trällerten häufig alte Big Band-Standards mit den Kids, im Radio beeindruckten sowohl Neil Young als auch REO Speedwagon den kleinen Sean. Er verfolgte niemals einen Stil, weil er einer bestimmten Szene angehören wollte. Er hatte einfach nur offene Ohren für die Musik. Oft saß er nur stundenlang in einer Ecke und summte vor sich hin. Dabei interpretierte er seine Lieblingsstücke, bastelte aber auch schon an eigenen Melodien. Wenn seine Mutter was von ihm wollte, musste sie erst einmal gegen die Musik im Kopf des Sohnes anreden. Nach Rowes Aussagen ist das heute noch so.
Es fiele schwer, Anspieltipps für dieses gelungene Werk herauszupicken - kleine Anregung: einfach mit Track eins anfangen. Der Opener nimmt den offenen Hörer, der bereit ist, tief in die emotionalen Welten einer beeindruckenden Musikerpersönlichkeit einzutauchen, ohnehin so gefangen, dass man nicht mehr auf 'Stop' drücken kann.
Und auch, wenn viele Kritiker sich heiße Schlachten liefern, ob Sean Rowes Stimme nun an Leonard Cohen, Tom Waits oder Van Morrison erinnert, sind solche Vergleiche nicht wirklich hilfreich. Oder doch? Wie ging denn nun der (natürlich rein musikalische) Vaterschaftstest aus? Die drei Urgesteine des Bariton-Pop hatten sich in den lichten Haaren und warfen sich zeitweise gar üble Beleidigungen an die markanten Köpfe. Als sich die Tür des Wartezimmers öffnete, verharrten sie aber in erwartungsvoller Starre. Die konsultierten Ärzte, Dr. Feelgood und Dr. Hook kamen mit ernsten Mienen herein.
»Nun, meine Herren«, eröffnete der erstere bedeutungsschwanger, während der zweite mit einem Seitenblick auf die herumliegende Zeitung feststellte, dass er leider wieder nicht 'on the cover of the Rolling Stone' war, »leider habe ich schlechte Nachrichten für sie!«
Dr. Hook übernahm nun die undankbare Aufgabe, die alten Heroen mit der Wahrheit zu konfrontieren: »Keiner von ihnen ist der Vater von Sean Rowe. Der Mann ist eine völlig eigenständige Musikerpersönlichkeit!« Cohen, Waits und Morrison sahen erst die Ärzte, und dann sich selbst konsterniert an.
»Wenn es sie beruhigt, meine Herren«, ergriff Dr. Feelgood wieder das Wort, »kann ich ihnen sagen, dass vergangene Woche bereits die Herren Bruce Springsteen, Bob Weir und Neil Young in derselben Angelegenheit hier vorsprachen. Sie hatten nicht die ähnlichen Stimmen, aber ihre kompositorischen Fertigkeiten und stilistische Bandbreite als Indizien für die Vaterschaft angegeben. Wenn es sie tröstet: ebenso negativ!«
Und mit der ärztlichen Aufforderung »bitte machen sie sich frei!« endet dann auch diese Rezi - frei von Vergleichen oder der Suche nach Vorbildern. Es schimmert so einiges durch in den Melodien, Texten und Arrangements auf "The Salesman And The Shark" - aber die Songs sind ganz und gar einer Handschrift zuzuordnen: der von Sean Rowe!
Line-up:
Sean Rowe (vocals, guitar)
Various Musicians (drums, guitars, strings, vocals, vibraphone)
(Keine Angaben im Promoexemplar)
| Tracklist |
01:Bring Back The Night
02:Flying
03:The Lonely Maze
04:Joe's Cult
05:Signs
06:The Wall
07:The Ballad Of Buttermilk Falls
08:Horses
09:Old Shoes
10:Downwind
11:Thunderbird
12:Long Way Home
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