Es gibt ein kleines Jubiläum für Patti Smith zu feiern, denn mit "Banga" legt die Amerikanerin ihr zehntes Studioalbum mit eigenem Material vor. Ja, es sind (inklusive des Coveralbums Twelve) tatsächlich nur elf Scheiben, die die seit Jahren wieder in New York City lebende Lady aus dem benachbarten Bundesstaat New Jersey (von Live-Veröffentlichungen mal abgesehen) seit ihrem Debüt ("Horses") aus dem Jahr 1975 bis heute auf dem Kerbholz hat. Wer aber - wie die gute Patti - auf einen derart starken Backkatalog bzw. durchgehend starke Alben zurückblicken kann, der braucht sich auch um eventuelle Nörgler hinsichtlich einer angeblich zu geringen Schlagzahl keine Gedanken zu machen.
Nein, auch "Banga" ist (erwartungsgemäß) nicht von grandiosen Riff-Rockern wie etwa "Till Victory" oder "Don't Ask The Angels" bestimmt, die die Amerikanerin in den Siebzigern am Start hatte. Das im Gros eher ruhige neue Album glänzt vielmehr durch exzellentes Songwriting und (wen wundert's?) sehr tiefsinnige Texte. Dass die Poesie auch im musikalischen Dasein der Patti Smith immer schon eine wichtige Bedeutung hatte, dürfte nichts wirklich Neues sein. Und wenn dieser Zweig ihrer Schaffenskraft generell auch über dem neuen Werk liegt, so findet sie hier in dem etwa zehnminütigen "Constantine's Dream" ihren Höhepunkt.
Und nochmal nein, diese Frau ist offensichtlich vollkommen unfähig, ein schlechtes oder (vielleicht noch schlimmer?) mittelmäßiges Album abzuliefern. Aber was ist "Banga" denn nun? Soft Rock? Vielleicht, wobei diese Scheibe eigentlich nullkommanull 'soft' ist. Allein die Hommage und »...der Song, den ich hoffte, niemals schreiben zu müssen!« (O-Ton Patti Smith)-Verbeugung vor der vor nicht allzu langer Zeit in noch jungen Jahren verstorbenen Amy Winehouse [R.I.P.] zeugt von Nah- wie Weitsicht, jeder Menge Feeling und Trauer. Nicht sehr viel anders und beileibe auch nicht weniger intensiv geht es bei "Maria" und "Fuji-San" (für die Opfer und Geschädigten der Erdbeben in Japan der letzten Jahre) zu.
Extrem hitverdächtig ist dagegen "April Fool", das durch feinfühlige Melodien und eine sehr catchy ausgefallene Hookline überzeugen kann. Ihren Sinn für die alten Reißer hat die mittlerweile (theoretisch) im Rentenalter angekommene Sängerin also bis heute nicht verloren. Bei den Kompositionen ist auffällig, dass neben nur zwei Alleingängen (und drei Co-Credits für den Gitarristen und musikalischen Langzeit-Partner Lenny Kaye) sich vor allem der Bassist Tony Shanahan bei sechs Tracks als Komponist (außer der Cover-Version stammen alle Texte natürlich von Patti selbst) verantwortlich zeichnen konnte.
Ach ja, apropos Cover-Version: Dabei handelt es sich um den Neil Young-Klassiker "After The Goldrush", der in Pattis Version mit viel Gefühl, warmen Vibes, tröstend und fast mütterlich (im positivsten Sinn) rüberkommt. Vielleicht spielen auch der leicht geänderte Text und die - zum Ausklang - den Refrain mitsingenden Kinder dabei eine große Rolle. Aber was rede ich, wer diese Ausnahme-Künstlerin bereits kennt, der weiß , dass sie schon immer diese sehr heiße Mischung aus knallhartem New York City-Chick und der extrem liebevollen, großherzigen 'Mama' verkörpert hat.
Und wenn wir schon bei Kindern sind: Auch Pattis eigene (aus ihrer Ehe mit dem ehemaligen MC5-Gitarristen Fred 'Sonic' Smith [R.I.P.]), Tochter Jesse und Sohn Jackson waren an dieser Produktion als Musiker beteiligt. Die rockigste Nummer des Albums ist wohl der Titelsong, bei dem u.a. der allseits bekannte Schauspieler Johnny Depp beteiligt war und der Patti nochmal in verhältnismäßig härtere Gefilde vorstoßen lässt.
"Banga" ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass es trotz höheren Alters nach wie vor möglich ist, qualitative Spitzen-Alben abzuliefern. Der eine oder andere mag hier eventuell einen schnelleren Rocker vermissen, aber wenn die gute Patti gegen IRGENDWELCHE Begriffe immun zu sein scheint, dann sind das Schlagwörter wie etwa 'Langeweile', 'Monotonie' oder 'Beliebigkeit'. Acht Jahre nach den letzten Eigenkompositionen auf "Trampin'" ist auch "Banga" wieder ein Meisterwerk geworden, das man allen Freunden des guten Geschmacks nur allerwärmstens empfehlen kann.
Wenn lediglich ein Viertel der heutzutage den Markt überschwemmenden Veröffentlichungen auch nur ansatzweise die Qualität von "Banga" hätte, dann wäre mir um diese Szene lange nicht so bange, wie mir schon seit geraumer Zeit ist. Rein künstlerisch haben die Werke dieser Frau ihre größten Erfolge aus den Siebzigern schon lange eingeholt, auch wenn sie zugegebenermaßen auf einer anderen Ebene stattfinden.
"Banga" steht für Qualität und der Name Patti Smith ist ein Garant dafür! Der Rezensent freut sich bereits jetzt auf das Konzert (bzgl. der kompletten deutschen Gigs bitte bei unseren Tourterminen vorbeischauen) dieser Ikone am 11. Juli in Berlin!!
Line-up:
Patti Smith (vocals)
Lenny Kaye (acoustic & electric guitars, background vocals)
Tony Shanahan (bass, keyboards, background vocals)
Jay Dee Daugherty (drums, mandocello - #7)
With:
Tom Verlaine (lead guitars - #2,9)
Jack Petruzzelli (guitars - #1,4,5,7, lead guitar - #3, Hammond B3 - #9, background vocals)
Jackson Smith (guitars - #2,4,8,12, lead guitar - #6, dog track - #5)
Jesse Smith (piano - #8,12)
Johnny Depp (additional guitar & drums - #5)
Louie Appel (drums - #1,6)
Rob Morsberger (piano - #6)
Maxim Moston (violin - #1,6)
Hiroko Taguchi (viola - #1,6)
Entcho Todorov (violin - #1,6)
Dave Eggar (cello - #1,6)
Tracklist |
01:Amerigo
02:April Fool
03:Fuji-San
04:This Is The Girl
05:Banga
06:Maria
07:Mosaic
08:Tarkovsky (The Second Stop Is Jupiter)
09:Nine
10:Seneca
11:Constantine's Dream
12:After The Goldrush
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