Erst kürzlich hatten wir mit Eyesberg eine Progressive Rock-Band mit Anlaufschwierigkeiten besprochen. Ganz so krass (Debüt nach über 30 Jahren) sind diese im Fall der Bochumer Band Saris natürlich nicht, doch deren Wege seit der Gründung vor 33 Jahren waren ebenfalls reichlich verschlungen. Immerhin legt das Sextett mit "Until We Have Faces" aber - nach einer ersten Single "Out Of Your Night" (1983) - bereits das dritte Album vor, vier Jahre nach "Curse Of Time".
Und wie in der Causa Eyesberg ist das Ergebnis beachtenswert, auch wenn Saris einen etwas anderen Ansatz wählt. Die fünf Herren plus Frontdame mixen ihren progressiv ausgerichteten Rock mit härterem Melodic Rock schwedischer Provenienz (erspart mir bitte die Nennung der zahlreichen üblichen Verdächtigen) und dem progressiven AOR von Bands wie Saga oder Styx. Besonders eindrucksvoll sind hier die episch-breit angelegten, symphonischen Elemente, die Saris für die Arbeit mit einem Orchester prädestiniert erscheinen lassen.
"Until We Have Faces" ist auf knapp über einer Stunde überaus abwechslungsreich gestaltet worden. Zwischen den für NeoProg genretypisch-ausufernden Longtracks finden sich auch Stücke mit sehr kompakten Strukturen. Hier schleichen sich schon mal, wie bei "Hold On", poppig-eingängige Hooks ins komplexe Geflecht. Genauso wie bei "Run Away Now" mit seinem dezent angedeuteten Reggae-Rhythmus, das irgendwie frappierend an Sagas "Time's Up" erinnert.
Gründungsmitglied Derk Akkermann, der für alle Kompositionen und Texte verantwortlich zeichnet, ist mit seinen symphonischen Keyboards und Synthesizerfanfaren sowie seiner gelegentlich sägend-riffenden Gitarre omnipräsent und drückt jedem Song seinen prägenden Stempel auf. Hervorragend aufgestellt ist mit drei Sängern auch die Gesangsfraktion, wobei sich die leicht theatralische (im positiven Sinne!) Stimme von Anja Günther ("Come Undone") mit dem eher kernigen Organ von Henrik Wager ("From Nowhere") bestens ergänzt. Oftmals werden - wie im prächtigen Titelsong - die Stimmen der drei Sänger zu einem mächtigen Chor gemischt. Das klingt dann derartig saustark, dass gelegentliche Einspielungen mit dem Mellotron ("Endless Dream") fast wie ein Fremdkörper wirken.
Die Produktion - im heimischen Studio durchgeführt - ist satt, dynamisch und druckvoll. Die winzigkleine Tendenz zur zuckrigen Überproduktion ist ebenfalls typisch für den NeoProg. Also, alles im Grünen Bereich...
Neben "Until We Have Faces" ragen noch drei mächtige Peaks aus diesem gelungenen Album hervor. Zunächst mal das musicalhafte "Another Dead End Street" - eine richtig tolle Nummer, deren Kompositionen, wenn man die Infos im Inner Sleeve des Digipak richtig deutet, auf dem Titeltrack des Debütalbums ("Dead End Street" von 1993) basieren. Durch die genau gleiche bühnentaugliche Furche zieht "Rain", bei dem - erneut wegen Anja Günthers Gesangsparts - Erinnerungen an frühere Nightwish-Sachen geweckt werden. Ja, und dann natürlich "Endless Dream" - das in wattigen Traumwelten mäandernde, fünfzehnminütige progressive Meisterstück von "Until We Have Faces".
Inwieweit der irische Schriftsteller und Bestsellerautor Clive Staples Lewis und sein 1956er Roman "Till We Have Faces" für das Konzept des vorliegenden Albums Pate gestanden hat, bleibt hier natürlich im Spekulativen. Wenn allerdings die Heldin dieses Romans - Orual, die Königin von Glome - nach der erfolgreichen Suche des Göttlichen zu dem Schluss kommt "Du selbst bist die Antwort" (so der deutsche Titel), könnte sich der Kreis um das thematische Skript von "Until We Have Faces" schließen...
Ein Überraschungsei hat Saris hier zwar nicht abgelegt, was angesichts der Zutaten auch nicht zwingend erwartet werden konnte. Aber gerade diese glaubwürdige Mixtur auf Rock-basierendem Fundament überzeugt. "Until We Have Faces" präsentiert sich als eine nahezu durchgängig überzeugende Stunde anspruchsvoller Rockmusik - macht Laune!
Line-up:
Anja Günther (lead and backing vocals)
Henrik Wager (lead and backing vocals)
Derk Akkermann (guitars, keyboards, programming, orchestra arrangements)
Lutz Günther (bass, backing vocals)
Jens Beckmann (drums and percussion)
Thomas Hackmann (backing vocals)
| Tracklist |
01:Until We Have Faces (6:08)
02:Come Undone (4:54)
03:Time To Catch The Train (4:47)
04:Run Away Now (3:28)
05:It's Up To You (7:27)
06:From Nowhere (4:39)
07:Another Dead End Street (5:11)
08:Rain (7:03)
09:Hold On (3:38)
10:Endless Dream (14:42) |
|
Externe Links:
|