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Mal ganz ehrlich: Wenn eine Band Spiraldogma heißt und ihre CD "Bacteria Stigma" nennt, dazu ein Foto einer krank/verzweifelt oder was auch immer wirkenden Frau in einem gekachelten Raum (Bad, Toilette, Krankenhaus?) als Cover hat, hat das wohl keine sonderlich anziehende Wirkung auf Rock-Musik-Fans (und Redakteure).
Ist das Ganze also eher kontraproduktiv? Hm, ich würde es mal so ausdrücken, es ist eher so etwas wie eine Vorwarnung, wer sich davon nicht abschrecken lässt, ist womöglich die richtige Zielgruppe für die Musik.
Die mutige Metallerin hat keine Angst vor bösen Bakterien und wagt es, die Welt von Spiraldogma zu betreten. Diese wirkt im ersten Moment in etwa so leicht zugänglich wie Bücher für Medizinstudenten (vielleicht denke ich deswegen beim Cover an ein Krankenhaus?), wobei sich schon ein interessantes Gesamtbild (nach mehrfachem Hören) zusammensetzt und den Eindruck dann etwas relativiert.
Trotzdem sind bei "Bacteria Stigma" keine gradlinigen Songs, die nach Strophe/Refrain-Schema verlaufen, zu erwarten. Irgendwie erscheinen Spiraldogma damit typisch für ihre französische Herkunft. Metal/Rock aus diesem nahen Nachbarland ist nicht nur in Deutschland oft sehr unbekannt, sondern erscheint dazu häufig (zumindest was mir davon bereits begegnet ist) recht fremdartig. Genau wie bei französischen Filmen fällt dabei auf, dass viele unterschiedliche Elemente aufeinander treffen, darunter teilweise sehr modernes, die, wenn es gut geht, ein stimmiges Ganzes ergeben.
Unberechenbarkeit ist hier Prinzip, genauso wie Veränderung, die Musik bleibt nie lange gleich und spielt mit verschiedenen Stilarten von aus den Bereichen Alternative / (Hard)rock / Metal / Progressive / Industrial. Moderner britischer Prog Richtung Radiohead trifft auf lässigen Rock, metallische Heavyness und harte Riffs, außerdem sind Elektronikklänge eingebaut (z.B. "Blue Cult", ausgerechnet davon gibt es einen Remix, der sollte wohl die CD auf über 30 Minuten strecken, beide Versionen sagen mir nicht so zu).
Melancholie weicht Unruhe und umgekehrt, keine Stimmung herrscht länger vor, alles ist stets im Wandel, mal erscheint es anziehend und warm, dann abstoßend und kalt.
Gleiches gilt für den Gesang, dieser ist sehr variantenreich und beherrscht die unterschiedlichsten Emotionen, von sanft klagend bis aggressiv, ausgedrückt durch jammern, fauchen und weiteren Stimmlagen, welche mir allerdings nicht alle zusagen, manche davon finde ich auch nervig - doch kein Problem, einfach etwas abwarten, schon ist es anders.
Die dunklen eher traurigen Momente sind mir die liebsten (wer hätte das erwartet…), jedoch gibt es kein Verweilen, denn die Stärke von Spiraldogma liegt klar darin, die Hörer auf eine wahnwitzige Reise mitzunehmen.
Die Band selbst beschreibt dies so: »SPiralDOgma is the convergent engery of positive electrons incubated in a spiral of negativity.«
Also Musik, die sich anfühlt wie die Entladung von Ionen. Wow, jetzt weiß ich, warum ich das beim ersten Hören chaotisch fand, bei mehreren Durchgängen offenbart sich etwas vom System dahinter. Erinnert mich an Chemie- bzw. Physikunterricht, wenn man langsam im Chaos die Ordnung erkennt, was ich stets faszinierend fand.
Notiz an mich selbst: korrigiere den Gedanken an Medizinstudium und ersetze diesen durch die genannten Disziplinen, und die Dame auf dem Cover arbeitet wahrscheinlich in einem Labor.
Überhaupt scheint die Herangehensweise der Band naturwissenschaftlich geprägt, da sie laut ihren eigenen Angaben mit vier Level arbeiten: Präzise Drums und Basslinien, emotionale und tragische Stimmen mit vielen Nuancen, eine Mauer aus Gitarrensounds und -Riffs sowie schließlich elektronische Beats, die Zorn in Kunst verwandelt.
Diesen Angaben kann/will ich nicht widersprechen.
Fazit: Spiraldogma schaffen zwar (noch) keinen Quantensprung (es bleibt nichts dauerhaft hängen), aber es gelingt ihnen, in ihren eigenen Mikrokosmos zu entführen mit einer auf gewisse Weise inspirierenden /inspirierten CD.
Dies setzt allerdings voraus, dass die Chemie zwischen "Bacteria Stigma" und Hörer/in grundsätzlich/in diesem Moment stimmt, sonst kann es wirken, wie zwei Magnetnordpole, die aufeinander treffen.
Line-up:
2TH (lead, backing vocals, electro)
Sman (bass)
Ben M (guitars, electro)
Nico A (drums)
| Tracklist |
01:Eradicalizm
02:Cradle Of Misery
03:Blue Cult
04:Virus In Fiction
05:Mutism Idol(l)s
06:Opradiation
07:Soft Caress
08:Blue Cult Remix (Dubmatix)
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