Eine CD von April Verch in einem Rockmusik-Magazin zu besprechen, ist ungefähr so, wie am Stammtisch vom Genuss einer feinen, prickelnden Tasse Darjeeling First Flush oder eines Glases frischgepressten Apfelsafts von heimischen Streuobstwiesen zu erzählen.
Aber manchmal interessiert es doch Irgendjemand, der halt neben dem geliebten Bier auch ab und zu mal was anderes schätzt. Für alle die, hier mein Review von "Take Me Back", der kanadischen Geigerin, Sängerin und Stepptänzerin April Verch.
Von Michael Flatley & Co kennt man ja die hüpfenden und die fiedelnden Wesen, die vor einigen Jahren wieder einmal keltische Kultur in aufgepeppter Form auf die Bühnen brachten und Riesenerfolge feierten. Neben Irland ist vor allem im Nordwesten Kanadas diese Musikform jedoch ein echtes Kulturgut und sehr populär. Die Musik stammt von den Arcadians, den französischstämmigen Einwanderern, deren Verwandte ganz am anderen Ende des nordamerikanischen Kontinents ihre Version als der bekanntere Cajun pflegen. April Verch ist in dieser Tradition im Ottawa Valley aufgewachsen und gehört zu den Topstars der Szene, vielfache Gewinnerin diverser Preise. Sie ist eine der bemerkenswerten Künstler, die alles zusammen können, Geige spielen, singen und stepptanzen. Beim tff in Rudolstadt war sie 2003 zu Gast, wo ich sie allerdings nicht traf. Aber andere Vertreterinnen dieser speziellen Musik hab ich schon live gesehen, was immer wieder spektakulär ist und nicht nur denen, die schon beim Gradauslaufen und Mitgröhlen Koordinationsprobleme haben, höchste Anerkennung abringt.
Nun, wer ein Faible für derartige 'Roots'-Musik hat, die auch im Blue Grass zu finden ist, der mag sein geneigtes Ohr April Verch leihen. Im Vergleich mit dem derberen und ungeschliffeneren Cajun kann zunächst dessen Ungestümheit und ansteckende Fröhlichkeit etwas vermisst werden. Auf "Take Me Back" geht es wesentlich 'kultivierter' zu. Sie singt mit einer mädchenhaften Stimme (dass sie 'schon' 27 ist, sieht man ihr nicht an) liebliche Weisen, spielt ihre Geige mit klassischer Schulung und ob sie im Studio dabei getanzt hat, das ist der Konserve nicht zu entnehmen. Es gibt einige Traditionals und Instrumenals, aber auch die hören sich eher nach Salon, denn nach Veranda an. Sie unternimmt Ausflüge in modernere Arrangements und gibt sich auch mal jazzig ("Monarch") Mein Highlight ist "Tom, Brad & Alice", bei dem es einmal richtig ab geht. "Wings To Fly" wird sicher auch Country-Fans gefallen.
Für Rockmusikohren sicher nichts, außer dem vielleicht kleinen Kreis, der ein sehr ausgeprägtes folkloristisches Faible hat und den Wurzeln populärer Folk-Musik nachspüren will. "Take Me Back" ist eine Scheibe für den Kamin-Soundtrack, aber da es jetzt 'nauswärts' geht, auch für den lauschigen Abend auf der warmen Terrasse. Etwas, die vielleicht öfters nach sanfteren Tönen lechzende Partnerin (bzw. den Partner) in verträgliche Stimmung zu bringen oder den Nachbarn einen ruhigen Feierabend vorzugaukeln, bevor dann wieder Led Zep losdonnert...
Spielzeit: 52:51, Medium: CD, Rounder (in-akustik), 2006
1:Take Me Back 2:Grand Slaque 3:All In The Night 4:Monarch 5:I Still Cry 6:Eclipse 7:Bride Of Jesus 8:Loggers In The Short Grass 9:Tennessee Wagoner 10:Cruel Moon 11:Seven Years 12:Tom, Brad & Alice 13:Wings To Fly 14:This Ottawa Valley
Norbert Neugebauer, 17.04.2006
|