UB40 / Getting Over The Storm
Getting Over The Storm Spielzeit: 51:51
Medium: CD
Label: Virgin Records, 2013
Stil: Reggae, Country

Review vom 02.10.2013


Sabine Feickert
Auf eine ziemlich bewegte, 35jährige Bandgeschichte kann UB40 aus Birmingham zurückblicken. Benannt haben sie sich nach dem Namen eines Antrags auf Arbeitslosengeld, die ersten Instrumente sollen sie von Schmerzensgeld, das einer der Campbell-Brüder nach einer Kneipenschlägerei erhielt.
Der Erfolg und das Glück waren ihnen erstmal wirklich wohlgesonnen. Mit einem Demotape aus dem Proberaum schafften sie es ins Radio, wurden für eine Session ins Studio eingeladen, bei einem ihrer Clubkonzerte begeisterten sie die The Pretenders-Sängerin Chrissie Hynde derart, dass diese sie als Vorgruppe bei der Pretenders-Tour 1980 mitfahren ließ. Hierauf folgte der erste Plattenvertrag mit Graduate Records, einem Indie-Label. Sie brachten mit ihrer ersten Single ("Food For Thought") auch erstmals die eines Indie-Labels in die britischen Top-Ten.
Sozialkritisch und politisch linksgerichtet, verweigerten sie sich den Major-Labels auch noch nach ihren ersten Erfolgen. Doch auch mit dem Indie-Label wurden sie nicht glücklich und gründeten mit DEP International ihr eigenes. Dort erschien 1983 ihr sechster Longplayer "Labour Of Love", ein Album voller Coversongs, darunter auch ihr größter Erfolg "Red Red Wine", im Original von
Neil Diamond. Nach einer eher ruhigen Zeit, in der sie zwar Platten veröffentlichten, aber nicht so wirklich in Erscheinung damit traten, hatten sie mit jenem Song Ende der Achtziger auf einem Konzert für Nelson Mandela erneut Erfolg. "Labour Of Love 2", ein weiteres reines Cover-Album folgte und leitete eine weitere relativ erfolgreiche Phase in der Bandgeschichte ein. Doch auch diese hielt nicht an, es wurde (zumindest in der großen Öffentlichkeit) wieder eher ruhig um UB40. Anfang 2008 verließen Sänger Alistair 'Ali' Campbell und kurz darauf Keyboarder Michael Virtue die Band. Finanzielle Unregelmäßigkeiten sollen neben dem Wunsch, sich der eigenen Solokarriere zu widmen, Grund für den Ausstieg gewesen sein.
2011 berichtet die BBC über die Eröffnung des Konkursverfahrens gegen DEP International und fünf Bandmitglieder. Ob das die stürmischen Zeiten sind, über die sie mit dem neuen Album kommen wollen?
Das dafür ausgesuchte Rezept ist kein gänzlich neues, finden wir doch neben fünf neuen eigenen Werken Coverversionen von – und das ist dann doch etwas anders als bei Vorgängeralben – Country-Songs. Diese werden auf der live eingespielten "Getting Over The Storm" natürlich (mehr oder weniger) mit dem typischen UB40-Feeling und -Sound interpretiert und kriegen so schon eine gewisse Eigenständigkeit.
Der Ursprung dieser Idee liegt schon Jahre zurück – während den Aufnahmen zu "I’ll Be Your Baby Tonight" zusammen mit Robert Palmer, wollte dieser unbedingt auch "On The Other Hand" von Randy Travis aufnehmen. Nach Palmers Tod verloren UB40 die Rechte an dessen Gesangsaufnahmen und spielten die Nummer mit ihrem neuen Sänger Duncan Campbell, der nach dem Ausscheiden seines Bruders 'Ali' diesen Part übernommen hatte, neu ein. Ihr folgten u. a. "Getting Over The Storm" von George Jones, "He'll Have To Go" (Jim Reeves) und Willie Nelsons "Blue Eyes Crying In The Rain".
"Midnight Rider" der Allman Brothers Band, [Country?!? Naja, wir wollen das mal nicht so eng sehen...] eröffnet die neue UB40. Und klar, das Cover ist kein reines Cover, sondern wird in den typischen Sound dieser Truppe transportiert. Das klingt... sehr anders, ziemlich eigen, aber auch nicht unbedingt nach den UB40, die man von ihren Hits im Ohr hat. Duncan singt zwar wirklich ordentlich, aber das markante Timbre seines Bruders fehlt ihm doch. Die erste Eigenkomposition "Just What's Killing Me" lässt mich – nicht lachen – immer wieder an Jahrmarkt denken. Die Art von Schunkler, die zu Kettenkarussell oder Schiffschaukel passen könnte, nicht wirklich volkstümlich und noch bevor die Fahrt zu Ende ist, geht es mit dem Titelsong und der nächsten eigenen Nummer "Blue Bilet Doux" im gleichen, sehr (hüstel) harmonischen Stil weiter. Ob es am Thema liegt, das sich durch fast alle Songs zieht? Gebrochene Herzen überall, lediglich der vorletzte Track "How Can Poor Men Stand Such Times And Live?" ist ein politischer, wurde während der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 von Blind Alfred Reed geschrieben und später durch Ry Cooder bekannt.
Vielleicht ist es auch die Steel Gitarre in Kombination mit dem Reggae-Rhythmus, aber irgendwie bleibt mein Verhältnis zu dieser Scheibe etwas zwiegespalten. Sie ist eine wirklich relaxte Begleitmusik für gemütliche Autofahrten über die Landstraße im Sonnenschein, aber sobald es sich zuzieht oder dunkel wird, ist sie mir persönlich etwas zu 'süßlich'.
Letzten Endes sollte sich jeder vor einer Kaufentscheidung erstmal selbst einen Höreindruck verschaffen, ich schenk mir derweil einen "Red Red Wine" ein (falls keine "Rat In Mi Kitchen" ist).
Line-up:
James 'Jim' Brown (drums)
Duncan Campbell (vocals)
Robin Campbell (guitar, vocals - #8)
Earl Falconer (bass)
Norman Lamount Hassan (percussion, vocals)
Brian Travers (saxophone)
Astro (vocals)

additional musicians:
Laurence Parry (trumpet, trombone, flugelhorn)
Martin Meredith (alto saxophone, keyboards)
Tony Mullings (keyboard)
Melvin Duffy (steel guitar, guitar - #1)
Tracklist
01:Midnight Rider
02:I'm Pretty Sure That's Just What's Killing Me
03:Getting Over The Storm
04:Blue Bilet Doux
05:If You Ever Have Forever In Mind
06:Crying Time
07:How Will I Get Through This One
08:He'll Have To Go
09:Blue Eyes Crying In The Rain
10:I Did What I Did
11:On The Other Hand
12:How Can Poor Men Stand Such Times And Live
13:I Didn't Know That I
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