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In Hongkong geboren, befand sich Jamie Wong-Li mit sechs Jahren plötzlich in Bern. Entwurzelt! Hammer.
Die Sängerin dazu: »Als ich mit 6 Jahren in die Schweiz kam, fragte ich meine Eltern jeden Tag, wann wir wieder nach Hong Kong zurückgingen. Ich hatte furchtbares Heimweh. Ich verstand die Kinder hier nicht, und sie verstanden mich nicht, und zugleich sehnte ich mich so sehr nach Kontakt und Integrität. So wurde ich zu einem geeigneten Objekt, das man hänseln und prügeln konnte. Es war erniedrigend und verletzend. Ich hatte damals nur eine Welt, in die ich gehen konnte, in der ich mich verstanden und angenommen fühlte: Musik.«
Mit diesem Background ist es nur zu verständlich, wenn die junge Wong-Li ihre ureigensten Erfahrungen in melancholische, sinnlich-nachdenkliche Texte fasst und mit Andreas Michel einen kongenialen Partner am Piano hat. Nicht nur am Klavier, denn die Beiden bilden eine musikalische Unität, weil die Songs, bis auf wenige Ausnahmen, von beiden geschrieben wurden.
Im Info-Blatt wird ihre Musik des Öfteren unter anderem in die Kategorie Pop eingestuft. Dafür ist allerdings "Golden Child" viel zu hochkarätig. Das wäre so, als würde man Murmeln mit Edelsteinen vergleichen. Da hakt es bekanntlich.
Im Gegensatz dazu stehen der Jamie Wong-Li Jazz, Latin und ein klein wenig Blues sehr gut zu Gesicht.
Noch soviel zu ihrer Vita: 1996 gründete sie das Quartett Smartship Friday und war ganze acht Jahre mit der Band unterwegs bis 2003 diese Zusammenarbeit ein Ende fand. Mit der Jazz-Band James' gab es ein Intermezzo und nun steht sie auf eigenen Füßen.
Andreas Michel wurde weiter oben erwähnt. Dem Gesamtgefüge der CD würde man jedoch nicht gerecht werden, ohne die anderen Weggefährten der in Bern lebenden Sängerin namentlich einfließen zu lassen, weil sie, jeder auf seinem Instrument, in gleicher Weise zum Gelingen von "Golden Child" beigetragen hat.
Als da wären: Sandro Schneebeli an diversen Gitarren, der Bassist Toni Schiavano, Daniel Aebi am Schlagzeug und Beat von Wattenwyl an den Handtrommeln.
Wenn schon von Melancholie, Sinnlichkeit und Schwermut die Rede ist und es zum musikalischen Output der gut 54 Minuten kommt, kann der Rezensent die RockTimes-Leserschaft beruhigen: Man benötigt danach kein Taschentuch, denn das bleibt unberührt dort, wo es hingehört.
Dafür sorgt z.B. "Put On Your Pipe", das mit Wassergeblubber sowie bluesigen Attitüden am Piano ruhig beginnt und sich dann zu einer Bass-lastigen, perkussiven Latin-Party par excellence steigert. Wow!
Wenn die Protagonistin im Folgenden "Let Rivers Flow" mit einfühlsamer Stimme singt, bekommt man schon eine Gänsehaut. In der Hauptsache nur vom Michel-Piano begleitet, wobei Schiavano und Beat von Wattenwyl für dezente Begleitung sorgen, ist der letzte Track des Albums ein stellvertretendes Beispiel dafür, wie Emotionen gesanglich und instrumental transparent gemacht werden können. Solches kann man wohl nur mit Hingabe und gegenseitigem Verständnis sowie Einfühlungsvermögen hinbekommen.
Ansonst kann man diese 14 Songs, wie Gemälde in einer Ausstellung, nicht in Gang gebracht haben.
Schon der Opener "Keep On Walking" hat einen beeindruckenden Groove der relaxten Art. Die Töne des Piano perlen wie Tropfen eines warmen Sommerregens die Fensterscheibe herunter. Schneebeli zupft, passend dazu, eine wunderschön klingende akustische Gitarre und es klingt so als wische Daniel Aebi mit den Jazzbesen über die Felle.
Für "Karma" wechselt Michel zum elektrischen Piano und sorgt mit seinem Instrument für flächige Farben, wobei der Gitarrist die Saiten der Akustischen mit bluesigem Flair zum Schwingen bringt. So wie Jamie Wong-Li ihre Emotionen in Worte gefasst hat, kann sie diese auch mit ihrer variablen Stimme interpretieren.
"See The Light" setzt auf dezentes, ganz stark vermitteltes Latin-Feeling und an dieser Stelle muss man auch die Produktion des Albums positiv hervorheben, denn sie spiegelt die gewünschte Atmosphäre perfekt wider.
Im Schlepptau von "See The Light" befinden sich noch weitere Hochkaräter der Marke Gänsehaut. Auch Dangerous symbolisiert dieses Latin-Flair.
Hongkong - Bern: Jamie Wong-Li singt übrigens in perfektem Englisch.
Auf Songs wie "Inside" oder "Free" kommt man immer wieder zurück, weil sie zeitlos schön sind.
Eine Ausnahme in der schlüssigen Gesamtheit des Albums bildet der Titeltrack: "Golden Child" ist Gypsy-Swing, bei dem Schneebeli die Hauptrolle spielt.
Es ist vollbracht und abschließend kann man nur empfehlen, sich von der Aura einer Jamie Wong-Li sowie ihrer Musiker vorurteilsfrei gefangen nehmen zu lassen, denn es swingen, grooven, bluesen und jazzen 8 von 10 RockTimes-Uhren auf sehr angenehme, unaufdringliche Weise.
Line-up:
Jamie Wong-Li (vocals)
Andreas Michel (piano)
Sandro Schneebeli (guitar)
Toni Schiavano (bass)
Daniel Aebi (drums)
Beat von Wattenwyl (percussion)
| Tracklist |
01:Keep On Walking (3:30)
02:Karma (4:20)
03:See The Light (3:49)
04:You Are There (3:50)
05:Coming Down (3:53)
06:Let's Come Together (4:10)
07:Free (4:00)
08:Golden Child (3:12)
09:Dangerous (3:57)
10:Back Into Water (4:22)
11:Inside (3:30)
12:Sing This Song (3:05)
13:Put On Your Pipe (4:40)
14:Let Rivers Flow (4:00)
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