Im Jahr 1979 hatte sich, und das weltweit, längst in der Musik-Branche herumgesprochen, was für eine fantastische Sache so ein Auftritt im WDR-Rockpalast ist. Nicht nur, dass man von einem hochprofessionellen TV-Team betreut wurde, die Auftritte wurden per Radio und Fernsehen sogar in (fast) ganz Europa live übertragen, sodass die Beteiligten Bands und Musiker mit einem einzigen Konzert die Möglichkeit hatten, sich Millionen von neuen Fans zu erspielen. Anfang eben diesen Jahres hatte Patti Smith mit ihrer Group einen Vertrag mit dem Westdeutschen Rundfunk bereits in der Tasche, als sie in New York City zufällig Johnny Winter traf. Die gute Patti (selbst ein großer Winter-Fan) brachte die Räder dann ins Rollen und schließlich wurde auch der schlaksige Albino für den selben Abend gebucht.
Ich persönlich hatte Johnny Winter nie wirklich auf meiner persönlichen Landkarte, was zum einen daran liegt, dass ich ihn in jungen Jahren (Anfang 1986) mal live in der Saarbrücker Saarlandhalle erleben durfte und derbe enttäuscht war. Zum anderen hatte ich seine mehr gepressten als gesungenen Vocals nie gemocht. Dennoch verfolgten mich die Erzählungen und Schwärmereien meines Freundeskreises gerade bezüglich dieses Rockpalast-Gigs über Jahrzehnte. Zeit also, doch noch mal ein Auge und Ohr zu riskieren, da die DVD gerade brandfrisch auf den Markt gekommen ist.
Und nach mehreren Durchläufen des Silberlings kann ich jetzt feststellen, dass der Auftritt tatsächlich hammerstark war. Angefangen von dem langen Instrumental "Hideaway", bei dem sich das Trio ( Jon Paris am Bass und Bobby 'T.' Torello an den Drums) erstmal so richtig auf Betriebstemperatur brachte, über das an gleicher Stelle zwei Jahre zuvor auch von Rory Gallagher geschmetterte "Messin' With The Kid" bis zur Jimmy Rogers-Nummer "Walking By Myself" - das sind nicht nur allesamt klasse Songs, sondern Johnny plus Band legten eine regelrecht ansteckende Spielfreude an den Tag. "Messin' With The Kid" mit Rorys Version zu vergleichen macht dabei meiner Meinung nach keinen Sinn, da wir es hier mit zwei total unterschiedlichen Gitarristen zu tun haben, die beide ihren ganz persönlichen Stil haben/hatten.
Während den folgenden "Mississippi Blues" und "Divin' Duck" änderte sich dann aber die Stimmungslage beim Protagonisten. Auch diese beiden Bluesnummern sind sehr stark und beim Betrachten der DVD hat man auch durchaus das Gefühl, dass das damalige Publikum in der Grugahalle gut dabei ist. Aber Johnny war offensichtlich sauer. Nachdem er bereits davor in einer Ansage den Leuten den Blues ans Herz legte und diesen konsequenterweise auch spielte, fühlte er sich bzw. die Tracks wohl vom Publikum nicht genug gewürdigt. Er gab also nach und peitschte das Publikum lautstark an, endlich 'ihre Ärsche in Bewegung' zu bringen, bevor die Band eine Höllen-Version von "Johnny B. Goode" zum Besten gab, die nur noch verbrannte Erde zurückließ.
Johnny hatte sich danach immer noch nicht wirklich beruhigt, meinte aber schon wieder grinsend »Okay ... gut ... ihr habt zwar keinen besonders guten Geschmack, aber wenigstens macht ihr jetzt ein bisschen Lärm!!« Es folgt eine sehr bluesige Version von "Suzie Q." und danach ein sehr kurzweiliges, da abgefahrenes Drum-Solo. Bevor das los geht, gibt Johnny seinem Schlagzeuger übrigens noch die beherzten wie scherzhaft gemeinten Worte »You better impress me now, motherfucker, you better be good or you're not getting paid!!« mit auf den Weg. Die größte Überraschung für mich bei dieser DVD war, dass Winter im Anschluss mit einem Bass bewaffnet zurückkehrte und Jon Paris für die flotten "I'm Ready" und "Rockabilly Boogie" die Gitarre wie den Gesang übernahm.
Der bringt die beiden Nummern sehr gut, wenn er dem Meister allerdings auch nicht das Wasser reichen kann. Die Gefühlslage Johnny Winters war danach immer noch nicht ausgeglichen, als er zunächst einen Roadie ziemlich unwirsch anfuhr und bei einer Ansage noch mal schmollend »...sieht so aus, als würde ich hier eine Schlacht führen, die ich nicht gewinnen kann, aber ich werde jetzt trotzdem noch einen Blues spielen...« grummelte. "Medley" und das treibende "Jumpin' Jack Flash" beschließen diesen bärenstarken Auftritt dann. Johnny Winters Gesang ist zwar immer noch nicht wirklich mein Fall, was aber natürlich reine Geschmackssache ist. Und was der Mann an diesem Abend auf seiner Gibson Firebird abzog, war vom Allerfeinsten und hat (jetzt auch) mich vollkommen überzeugt.
Der Rockpalast-Auftritt Johnny Winters vom 22. April 1979 bietet (nicht nur) Blues Rock-Freunden also über zwei Stunden kurzweilige und allerbeste Unterhaltung. Bezüglich des Bildes gibt's schon hier und da die üblichen 'Rockpalast-Streifen', aber das sollte keinen großen Geist stören, der sich über dreißig Jahre alte Konzert-Aufnahmen anschauen möchte. Ach ja, zwei etwas unglückliche Gastauftritte hatte Patti Smith bei der Chose. Zunächst taucht sie bei "Johnny B. Goode" auf der Bühne auf und will mitsingen. Leider wird sie von Johnny aber - bewusst oder unbewusst - gar nicht wahrgenommen, verschwindet wieder zurück in die erste Reihe des Publikums und rockt dort ab. Etwas später (wieder backstage) möchte sie mit ihrer Klarinette anfangen zu jammen, sucht sich als Zeitpunkt aber ausgerechnet den Beginn des Drum-Solos aus. Blöd gelaufen, irgendwie ...
Apropos Patti Smith: Deren Auftritt vom selben Abend wäre natürlich auch noch hochinteressant und man kann nur hoffen, dass MIG Music ihn bereits auf dem Veröffentlichungs-Plan stehen hat.
Line-up:
Johnny Winter (guitars, bass, vocals)
Jon Paris (bass, guitar, harmonica, vocals)
Bob Torello (drums)
Tracklist |
01:Hideaway
02:Messin' With The Kid
03:Walking By Myself
04:Mississippi Blues
05:Divin' Duck
06:Johnny B. Goode
07:Suzie Q.
08:Drum Solo
09:I'm Ready
10:Rockabilly Boogie
11:Medley
12:Jumpin' Jack Flash
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