Es könnte ja fast ein kleinwenig despektierlich klingen, wenn man nach dem Konzert eines Musikers im besten Mannesalter konstatieren muss: Alles, wie vor vierzig Jahren. Nicht bei Konstantin Wecker! Hier sind es unfassbar großer Respekt und pure Bewunderung, die den Schreiber zwingen, die ausgerenkte Kinnlade mühsam neu zu justieren. Was war das für ein Konzert vor der wundervollen Kulisse des im Abendlicht schimmernden Losheimer Stausees im Nordsaarland!!
 Alles war wie vor vierzig Jahren - und trotzdem irgendwie anders. Sechsundsechzig Lenze hat der bayrisch-toskanische Barde seit gut einem Monat auf dem Buckel und noch immer ist dieser Mann auf der Bühne eine Wucht, die schier überbordende Urgewalt. Diese Bühnenpräsenz ist nach wie vor zunächst atemberaubend, dann fesselnd und danach das Publikum förmlich aufsaugend. Zum Schluss sind Bühne und Auditorium eine hochenergetisch brodelnde, unglaubliche Kräfte freisetzende Einheit, die Wecker-Konzerte dann zu einem Drei-Stunden-Marathon werden lassen kann.
Aber der Wecker ist auch leiser, nachdenklicher geworden - ein Tribut, der den Niederschlägen persönlicher und politischer Art geschuldet scheint. Wir leben eben nur scheinbar in einer riesigen Gummizelle. In Wahrheit holt man sich schnell blutige Nasen, wenn man allzu forsch vorhandene Grenzen aufbrechen und niederreißen möchte. Sich im Scheitern neu finden - Wecker hat dieses Prinzip augen- und ohrenscheinlich reifen lassen. Das jugendlich aufbrausende Temperament ist aber keiner 'Altersmilde' gewichen. Vielmehr nimmt sein Programm nun mehr kabarettistische Züge an, manches lässt sich eben nur noch mit ätzendem Sarkasmus kommentieren. Trotzdem verbreitet Wecker auch weiterhin großzügig Mut von der Bühne. Mut zum Hinschauen und Neinsagen, zum Querstellen, zum Schwelgen in wildesten Utopien und großherzigster Güte. Und auch da ist er eben wieder ganz der alte Ermutiger!!
 Auch musikalisch ist alles beim Alten geblieben: Erneut hat Konstantin Wecker, der schon mit so vielen Größen auf der Bühne stand, eine sensationelle Band um sich geschart. Drei einfühlsame Multiinstrumentalisten, die den Meister nicht nur beeindruckend begleiten, sondern seinen Liedern neue, geradezu hauchzarte Tupfer beifügen und ihnen auf diese Weise eine fast schon zerbrechlich schöne Zartheit verleihen. In diesem Zusammenhang sei die Pedal Steel des dänischen Gitarristen Nils Tuxen ganz besonders exponiert! Daneben wird Wecker nun schon seit zwanzig Jahren von seinem kongenialen Pianisten Jo Barnickel begleitet und die Zeit hat die beiden eine Symbiose bilden lassen. Man merkt dies beim gemeinsamen Improvisieren, wenn der eine des anderen Thema aufnimmt und weiterführt. Hier haben sich zwei gesucht und gefunden... Abgerundet wird dies durch den jugendlich wirkenden Tausendsassa Jens Fischer, der mal wie ein Derwisch herumwirbelt, mal ganz zauberhaft einfühlsame, perkussive Klänge einwirft. Vier Mann auf der Bühne und manchmal meint man trotzdem, da würde ein Orchester musizieren...
 Aber mal schön der Reihe nach: Freitagmorgen, der 5. Juli, und das Wetter ist besch...eiden. Pünktlich vor Konzertbeginn reißt der Himmel allerdings nicht nur auf, sondern macht sich nackig, entblößt sich völlig - perfekt. Das Losheimer Strandbad am Stausee ist ein denkbar gutes Open Air-Gelände. Da Wecker-Fans größtenteils mit dem Meister in die gesetzteren Jahre gekommen sind, kam dieses überaus entspannte Eventgelände den Konzertgängern entgegen. Die Bewirtung ist zudem auf gutem Niveau und über die exquisiten Weine des saarländischen Weinhauses Herber vergisst man nur zu gerne die obligatorischen Bierstände...
Die Taschenkontrollen sind allerdings etwas albern. Die Altersgrenze des Publikums ist ganz offensichtlich bereits über dem Randalealter angesiedelt. Ansonsten hält sich die Security aber entspannt im Hintergrund. Nur als die Meute gegen Konzertende dichte Trauben am Bühnenrand bildet, werden Fotografierende abzudrängen versucht. Als Wecker dies bemerkt, ermuntert er die Leute regelrecht zum Filmen und Fotoschießen und nimmt somit ganz locker allen künstlichen Stress aus dieser Angelegenheit.
 Musikalische Hochseilakte waren jetzt erstmal - so kurz vor Tourende - nicht zu erwarten. Die Setlist war nahezu deckungsgleich mit dem Live-Album.
Immerhin läuft diese Mammut-Tour bereits seit zwei Jahren und über zweihundert Konzerte. Möglicherweise hing der mengenmäßig enttäuschende Besuch in Losheim mit dieser Tatsache zusammen. Wecker jedenfalls ließ sich stimmungsmäßig nicht von den leeren Plätzen runterziehen und ging sein Programm in der eingangs geschilderten engagierten Weise an. Leider kommt erfahrungsgemäß bei einer solchen Veranstaltung erst so richtig Stimmung auf, wenn es dunkel wird. So kamen die Losheimer im ersten Set möglicherweise etwas spröde bei den Musikern an - trotz eines sensationellen "Fliegen mit dir", ganz cool vom Blues ins Funkige switchend, dem im Mittelteil an Pink Floyd erinnernden "Frieden im Land" und dem abschließenden, furiosen "Sage Nein!", das bereits deutlich die Grenze zum Progressive Rock überschritt. Aber das sollte sich im zweiten 'Satz' ändern...
...und wie!! Mit den "Damen von der Kö", der "Ansprache an Millionäre", dem "Weltenbrand" und "Virus" sowie "Empört euch" brannte Wecker ein wahres Feuerwerk, das das Publikum zu entflammen wusste, ab und bereits beim 'Rasta-Reggae' "Weil ich dich liebe" tanzte das ganze Losheimer Strandbad synchron mit. Einzig nach "Schwanengesang" saß der Barde noch sekundenlang in sich versunken auf seinem Hocker, bevor er sich losreißen konnte. Ganz offensichtlich war er bei diesem Abschiedslied in Gedanken bei seiner Frau Annik - das Paar hatte erst vor wenigen Tagen seine einvernehmliche Trennung bekanntgegeben. Einer von vielen berührenden Momenten an diesem Abend...
 Was dann mit dem Zugabenblock folgte, machte dieses Konzert zu einem der ganz magischen Sorte. Schier endlos lang ließ sich die 'Viererbande' aus dem Backstage-Bereich der riesigen Bühne locken und spätestens nach umwerfenden Improvisationen rund um den Klassiker "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" verlor wohl nicht nur ich jedes Gefühl für Raum und Zeit. Wecker badete in der Menge, genoss diese Momente, die ihm ganz augenscheinlich ebenso tief unter die Haut gingen, wie dem restlos begeisterten Publikum. Ein Evergreen aus seiner über vierzigjährigen Karriere folgte dem anderen und nach über drei Stunden war mir dann auch völlig gleichgültig, dass das eigentlich eingeplante Interview nicht stattfinden konnte.
»Mit 66 Jahren...« - der Rest ist wohlbekannt. Wenn dem so ist, dürfen sich die Freunde der Wecker'schen Musik und Lyrik noch auf viele weitere Großtaten des 'Monsters of Liedermaching' freuen (um den Bandnamen der jungen Wecker-Kollegen mal in allen Ehren zu missbrauchen).
RockTimes bedankt sich herzlich bei Mark Dehler von Netinfect für zwei Plätze in der ersten Reihe. Mittendrin statt nur dabei...
Line-up:
Konstantin Wecker (Gesang, Bösendorf Flügel)
Jo Barnickel (Keyboards, Piano, Akkordeon, Bass, Trompete, Gesang)
Nils Tuxen (Gitarren, Pedal Steel, Dobro, Bass, Harp, Gesang)
Jens Fischer (Gitarren, Bass, Schlagzeug, Perkussion, Gesang)
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