Wally / Montpellier
Montpellier Spielzeit: 55:18
Medium: CD
Label: Gonzo Multimedia, 2010
Stil: Prog Rock

Review vom 04.04.2012


Joachim 'Joe' Brookes
Wally ist wieder zurück. Über dreißig Jahre haben Roy Webber & Co. die Band ruhen lassen. 2009 gab man in der Heimatstadt Harrogate, Yorkshire ein Reunion-Konzert vor ausverkauftem Haus und dokumentierte diesen Auftritt mit der DVD "The Urban Man".
Lang, lang ist es her ... Anfang der Siebzigerjahre nahm Wally an einem vom Melody Maker organisierten Wettbewerb teil. Als Sieger ging Druid durchs Ziel, aber schon vor der Endrunde begeisterte Wally den Yes-Tastenmann Rick Wakeman, der auch das Debüt-Album "Wally" (1974) produzierte. Damals wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, denn eingespielt wurde die erste Platte in den Morgan Recording Studios. Wahrscheinlich durch Wakeman vermittelt, denn sowohl Yes als auch Joan Armatrading, Black Sabbath, Ten Years After oder UFO nutzten seinerzeit die Aufnahmestudios. Bereits beim Nachfolger "Valley Gardens" (1975) zeigten sich Risse in der Gruppen-Fassade. Viele internationale Touren forderten ihren Tribut und dann löste Atlantic Records auch noch den Plattenvertrag auf.
Um die dreißig Jahre Pause ist für eine Band eine Ewigkeit. Nach einem gelungenen Neustart der Gruppe und einer DVD im Gepäck heißt es nun "Montpellier". Die Linernotes verdeutlichen, welche Geschichte hinter den acht Songs steckt: »Back recording together for the first time in 36 years we hope that we have retained some of the essence of Wally music. Some of these tracks were conceived for what would have been our third album for Atlantic Records around 1975 and others were a result of more recent time in the studio.« Altes in neuen Schläuchen und Neues von einer alten Band.
Vor der Band-Auflösung gab es bereits einige Veränderungen im Line-up, aber vorliegende Scheibe wurde mit fast allen Original-Mitgliedern eingespielt. Grundsätzlich lässt sich beim Hören der acht Nummern feststellen, dass die Musik weder Patina geschweige denn Rost angesetzt hat. Was hier allerdings unter dem Genre Prog Rock firmiert, muss relativ gesehen werden. Viele Momente in den fünfundfünfzig Minuten sind von Essenzen aus Country- beziehungsweise Southern-Flair geprägt. Um Himmels willen soll diese genauere Stilbeschreibung aber nicht bedeuten, dass Wally schwache Musik präsentiert.
Instrumente wie Violine, Mandoline, Slide-Gitarre oder die Pedal Steel von Frank Mizen machen neugierig auf die Kompositionen und auch das oft rund um die Keyboards auftauchende Piano ist bemerkenswert. Zusätzlich darf man, wenn der Opener für fast acht Minuten ein dynamisches Wellenbad verursacht, durchaus eine verdammt verspielte Richtung in die Melodic-Abteilung verbuchen und schon hier müssen die beiden Chordamen Teri Sullivan sowie Kate Peters lobend erwähnt werden. Mit "Sailor" beginnt eine abwechslungsreiche Kreuzfahrt, bei der man definitiv weiß, woran man ist.
"Sister Moon" ist schön. Aus einem andächtigen Beginn mit klasse Violine entwickelt sich der Track bis zum Schluss zu einem von tollen E-Gitarren bestimmten Lied. Bei "Thrill Is Gone" dreht sich das Karussell genau anders herum. Mit viel Drive und mächtig freizügigen Gitarren-Parts mag man fast von einer anderen Band sprechen, wenn da nicht Roy Webbers guter Gesang wäre. Apropos Sechssaiter ... die feiern bis zu den letzten, fast schon infernalischen Tönen eine verdammt gute Jam-Party. Super!
Nach diesen bombastischen Klängen mutet das von Drehorgel-Sounds eröffnete "Surfing" schon befremdlich an. Zur vertrackten Rhythmik von Schlagzeuger Roger Narraway singt Webber mit etwas Ian Dury-Intonation auf der Zunge und dann schleicht sich in aller Kürze doch glatt ein leichtes Blues-betontes Reggae-Feeling ein. Oh, muss man sich vor einer Wally-Nacht fürchten? Krachender Donner ist zu hören, aber dann gleitet die Combo quasi auf Flüster-Asphalt durch die Dunkelheit. Herrlich, wie einen Webber und die beiden Frauen gesanglich besänftigen. Ganz so ruhig geht es allerdings nicht durch die Dunkelheit, denn wieder sorgen Gitarren sowie Keyboards für Unruhe.
Die beiden letzten Nummern sind wunderschön. Mit "Giving" hat Webber einen fantastischen Song komponiert und sich ein eigenes kleines Denkmal für die Nachwelt gesetzt. "Montpellier" ist eine gelungene Wiederbelebung der Gruppe und es ist schön, dass zum Beispiel ein Paul Middleton wieder seine musikalische Triebfeder verspürt hat, denn er war während der Band-Pause unter anderem Zimmermann.
Line-up:
Roy Webber (vocal, guitar)
Paul Middleton (vocal, bass, slide guitar)
Pete Sage (violin, mandolin, guitar)
Roger Narraway (drums)
Will Jackson (guitar, piano)
Nick Glennie-Smith (keyboards)
Frank Mizen (bass, pedal steel, guitar)
Phil Dean (guitar - #6)
Rob Reynolds (vocals - #8)
Teri Sullivan (backing vocals)
Kate Peters (backing vocals)
Tracklist
01:Sailor [Webber] (7:41)
02:Sister Moon [Webber] (6:04)
03:Thrill Is Gone [Jackson/Webber] (6:02)
04:Surfing [Middleton] (7:17)
05:In The Night [Webber] (6:06)
06:Human [Middleton] (6:29)
07:She Said [Jackson/Webber] (7:17)
08:Giving [Webber] (8:24)
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