Remastering
Lust und Frust des guten Klangs / Seite 2
Erinnern wir uns noch mal an die schon angesprochenen Ü-Kopien. Die waren ja analog kopiert, also eine Generation vom Master weg und in damaliger Zeit war das ein gewaltiger Unterschied.
Zu Beginn der CD-Ära wollte jeder imponieren, mit der Zeit kam der Faktor Kosten mehr und mehr in's Spiel. Es wurden etliche Ü-Kopien (und schlimmstenfalls die beim Vinylumschnitt gefertigten und klanglich veränderten Bandmitschnitte) ohne weitere Bearbeitung entweder von uninteressierten Ingenieuren digitalisiert, oder der Auftrag lautete wegen der Kosten genau so!
Damit ist klar, was das wichtigste beim Remastern älteren Materials ist: Man muss jeden Versuch unternehmen, das Original-Master zu bekommen, und alleine das kann schon eine kostenträchtige Detektivarbeit sein.
Jeder Remaster-Ingenieur, der den Auftrag erhält und seine Arbeit ernst nimmt, wird ausser den selbstverständlichen Vorbereitungen wie Justage, Bandanalyse usw., sicher auch mehrere Hördurchgänge der Originalaufnahmen im Vergleich zur LP durchführen, um beurteilen zu können, was der Produzent rüberbringen wollte oder zumindest, auf welchen Klang man sich geeinigt hatte.
Das Mastering fand oft unter absurden Bedingungen statt: Bei den Eagles-Aufnahmen waren die Abmischmonitore so ungünstig positioniert, dass der Tontechniker "immer mehr Bässe" reindrehte, die Cream-Platten wurden über Monitore gemischt, die in den Höhen keine 8 kHz schafften.
Der Klang vieler Platten aus den 60ern oder 70ern hat natürlich auch etwas "zeitgeistiges" an sich. Darf man hier durch "verbessern" das Klangbild ändern? Hat das Band technische Mängel, durch deren Ausmerzen sich ein kaum zu rechtfertigender Eingriff in's Klangbild ergäbe?
Dies ist der schmale Grat, auf dem sich das gesamte Remastering bewegt. Das digitale Mastering ist aber mittlerweile so ausgereift, dass es erstaunlich gut gelingt, den Klang so nachzuentzerren, dass eine extrem klangliche Verbesserung erreicht wird, ohne der Musik ihren Charme zu nehmen.
Hall of Fame
Hier gibt es zum Glück eine schon unüberschaubar zu nennende Auswahl, als Beispiel ziehe ich zwei heraus:
Die erste Platte der Eagles, die auf Vinyl und der CD-Erstausgabe sumpfig und verwaschen klang, wurde mittlerweile von WEA remastered, dass man seinen Ohren kaum traut: So satt, knackig und durchhörbar ist das Ergebnis, dass man kaum annehmen würde, die Platte sei 1972 entstanden. WEA übte sich anfangs in Understatement und hat nicht auf diese Version hingewiesen, sie hatten zeitweise sogar die gleiche Bestellnummer wie die Erstausgaben. Mittlerweile sind die CDs aber als Remaster gekennzeichnet.
Als zweites Beispiel möchte ich "Happy Trails" von Quicksilver Messenger Service nennen. Schon 1969 mit reichlich verzerrten Gitarrenklang und Verstärkerbrumm gesegnet, der diese Aufnahme ja ausmachte, ist so perfekt vom Remaster-Guru Eroc (man erinnert sich: Schlagzeuger bei Grobschnitt) bearbeitet worden, dass es einem fast den Atem verschlägt. Der Klang wie oben bei den Eagles, und trotzdem, alles, was diese Platte ausmachte, es ist immer noch da! Das ist schon die Quadratur des Kreises im Remastering!
Damit sind wir bei Hörgewohnheiten. Vor 30 Jahren waren die Stereoanlagen nicht in der Lage, Musik auch nur andeutungsweise authentisch zu übertragen. Vor allem die Plattenspieler hatten oft Abtastprobleme, so dass beim Vinylumschnitt oft der Bass so nachentzerrt wurde, dass die Platte auf jedem durchschnittlichen Plattenspieler lief. Was war die Folge? Die Leute bedienten sich aller Klangregelmöglichkeiten ihrer Verstärker, um "nachzupolieren"
Wer heutzutage über eine gute Anlage verfügt (und damit meine ich keineswegs eine aus dem High-End-Bereich), hört CDs, die hervorragend remastert wurden, in einer damals unvorstellbaren Qualität: Das Equalisieren des Remaster hat erreicht, was der Phasendreher-Dreck der Klangregler nie geschafft hatte: satte trockene Bässe, angenehme Mitten und fein aufgelöste Höhen, und das alles bei linearem Frequenzgang. Damit kann endlich der letzte seine idiotische Loudness-Taste abschalten, die Klangregler sowieso!
Hall of Shame
Eigentlich verwunderlich, dass gerade ein Label, das auf High-End spezialisiert ist, eine remasterte CD von Canned Heat auf den Markt brachte, die geradezu grottenschlecht klang. Obwohl der Hinweis auf das Original-Master des öfteren im Booklet erscheint, kann man davon ausgehen, dass dem nicht so war: Der Bass hört sich an, als klopfe ein Specht an's Holz, die Mitten unausgeglichen und die Höhen spitz. Damit hat sich Zounds keine Meriten verdient. Mit fast 40 DM war diese CD zudem noch total überteuert.
Ok, das sind Songs, die Ende der 60er entstanden sind. Wenn man dann allerdings die Remaster der selben Aufnahmen des Magic-Records Labels anhört, wird schnell klar, wer seine Hausaufgaben gemacht hat. Die klingen so unwahrscheinlich viel besser, als seien die Aufnahmen neu! Die hatten wohl das Master...ohne gross damit Werbung zu machen!
Die ganze Remaster-Szene hat ihre eigenen Stars hervorgebracht: Vorausgesetzt, die enthaltene Musik trifft den eigenen Geschmack, kann man CDs, die von Bob Ludwig, Joe Gastwirt, Mike Brown oder dem schon vorgestellten Eroc remastered wurden, bedenkenlos kaufen. Da kann man sicher sein, das maximal mögliche an Klang zu bekommen. Die Liste ist allerdings nicht auf diese vier beschränkt, es sind aber die bekanntesten.
Was ist nun das Fazit? Lust oder Frust? Irgendwie beides. Lust klanglich, sicher bzw. fast immer. Frust wegen der Kosten. Mancher (wie ich) hat eine Platte jetzt dreimal: Etwa "L.A. Woman" von den Doors. Eine LP, die erste CD, eine remasterte CD, die zwei Jahre alt ist und zu allem Übel gibt's jetzt von DCC eine neue Remasterauflage. Die auch noch kaufen? Der Frust sitzt tief...
Zum Glück (?) scheint das Ende der Fahnenstange zumindest für das CD-Format erreicht zu sein: Mittlerweile liegt die Auflösung des Studio-Equipment bei 24-Bit/96kHz und muss für die 16-Bit/44,1kHz Auflösung der CD heruntergerechnet werden.
Wie eingangs gesagt, ist mehr diese technische Entwicklung "schuld" an ständig verbesserten Remasters als die Plattenfirmen. Nur könnten sie diese Wiederveröffentlichungen zu anderen Preisen anbieten. Oder vielleicht mal ein neues Denkmodell wagen, ähnlich der Computer-Softwareindustrie.
Updates! Ja, warum kann ich meine CD nicht einsenden und bekomme zu einem attraktiven Preis eine neue, die remastert wurde? Da das Material ja komplett wiederverwendet werden kann, würde dies auch einen Beitrag zum Umweltschutz leisten! (Geschickt eingefädelt, gell?)...Derjenige, der die CD noch gar nicht hat, zahlt halt einen höheren Preis, hat aber damit gleich das neuste Produkt. Dream on, Manni!
Seit meiner Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker Ende der 70er hat sich also eine Menge getan...und es geht dann wohl irgendwann in näherer Zukunft auch im Musikbereich entweder mit DVD oder SACD weiter. Meinen Geldbeutel versteck' ich schon mal...(und kauf's dann doch wieder...)
Manni Hüther, 28.10.2001
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