Your Space, My Space
Zwischenruf Your Space, My Space
Oder: Die virtuelle Raumaufteilung der globalisierten Welt
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Zwischenruf vom 14.03.2009


Grit-Marina Müller
Eine gute Stunde dauert die Zugfahrt von meinem Heimatort bis ins Zentrum von Berlin. Nach 30 Minuten etwa wirft die Großstadt schon ihre ersten langen Schatten voraus, wenn die parallel zum Regionalexpress verlaufenden S-Bahn-Streckenführungen erkennbar werden. Ein gut getimtes, gemütliches Stündchen, wie ich immer fand, um entspannt die Augen zu schließen, im neuesten Rock-Mag zu blättern oder den faszinierenden, schnell fließenden Übergang vom Kuh-Feld-Wald-Idyll zu den lebendig werdenden Konturen von Capital City direkt vor den Zugfenstern mitzuverfolgen.
Freudig erleichtert erreicht man heutzutage sein kleines, privates Plätzchen in der überaus verlässlich gut gebuchten 2. Klasse dieser DB-Destination. Einmal in zurecht bequemter Position für das Fachjournal des Vertrauens entschieden, beginne ich, mich der "CD des Monats" zu widmen. Spätestens jetzt jedoch stört meinen sorgfältig eingerichteten XS-Komfort in der nicht gerade unterwertig bezahlten Halbquadratmeterzelle auf Schienen eine äußerst seltsame, bizarr bedrückende, verbale Geräuschkulisse auf's Empfindlichste: »Hi Stefan, ich bin's.« - Und nun der Schlüsselsatz: »Ich sitz' grad im Zug.« - Das wiederum würde ich gern von ganzem und lautem Herzen bezeugen. »Denk mal, ich bin in 'ner Stunde da... Hast schon gehört? Christoph hat die Prüfung...« (in welcher Disziplin auch immer) »...bestanden!... Ja, er is' auch total happy... Treffen wir uns nachher bei Tina?« - Ich habe Glück, Stefan scheint einverstanden. - »Ok, tschaauuii« beendet diese vergleichsweise kurze, erste Variante meiner unsanften, zwangsweisen Leseunterbrechungen.
Der Moment der Stille währt nur bis zur charmant herbeigeführten Identifizierung des spotlight-album of the month - aah, es ist Derek Trucks' Already Free. Das nonchalante Meisterwerk des jungen Nachfahren aus der Allman-Dynastie wird gerade in schillernden Farben und raffinierten attributiven Winkelzügen beschrieben, als die exzellenten Ausführungen des Chefredakteurs durch eine schräg links hinter mir zu lokalisierende, phonetische Unheilsquelle in deutlich vernehmbarer Empörung untermalt werden. - Es sei ja wohl eine Frechheit, dass Klaus' Chef ihm die Mitarbeit an der Weiterführung des Projekts untersagt habe und natürlich stehe die Einhaltung der Deadline zur Vorlage des Marketing-Konzepts nun sowieso in den Sternen... Sterne: Ein passendes Stichwort, sinniere ich und setze erneut an, auf Seite 5: CD des...
Nanu? Ein Hörbeispiel hatte ich kaum erwartet und derartig rhythmische Herausforderungen nach den relaxten Worten des sich förmlich in einer Trucks-Wellness-Oase erholenden Reviewers schon gar nicht. Doch was da an mein rechtes Ohr dringt, sind auch beileibe keine virtuos gestriegelten Slide-Wunder von Derek, sondern erschütternder Weise die synthetischen Drum-Beats eines Hardcore-Techno-sympathisierenden MP3-Players auf den Kopfausgängen des Halbwüchsigen in der Reihe vor mir. Visuell abgelenkt werde ich inzwischen noch links neben mir vom Bilderrausch eines soeben in Betrieb genommenen Laptops.
"Already Free". Derek hat es also geschafft. Man möchte ihn beglückwünschen. Während ich mich durch enge Zugabteile quälen muss, im permanenten Kampf um die unantastbare Würde des Menschen befindlich, seinem weiteren Grundrecht auf (wenigstens etwas) Privatsphäre zum Sieg verhelfen will, dabei verzweifelt gegen entfesseltes Proleten-Stimmgewirr anlese und zu allem Übel noch dem fatalen Musikgeschmack eines bedauernswerterweise viel zu spät Geborenen lauschen darf.
»Free to do what I want any old time...« schwirren mir die Stones durch den Kopf. »Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder so denkt?!« - entgegnete dem Jagger/Richards-Zitat finster orakelnd ein ca. 50-jähriger Passant mal 1966 in Bremen bei einer Fernsehbefragung zur 'heutigen' Jugendkultur in Deutschland, erinnere ich mich an eine Sixties-Doku neulich auf N3. Die Antwort auf jene düster spekulative Vorhersehung des einst warnenden Hanseaten erfahre ich, im - wahrsten Sinne des Wortes - Zuge hochtechnisierter Massenkommunikation, Jahrzehnte später am buchstäblichen eigenen Leib.
Verdammt eng wird das - sämtliche einzelnen Freiheiten der Rede übereinandergelegt, unaufhörliche Mitteilungswut und zwanghafte Selbstdarstellung im öffentlichen Raum für jedermann in argloser Großzügigkeit zugänglich gemacht. Sie florieren ungetrübt prächtig, all unsere Freiheiten, und drängeln sich penetrant nach vorn wie die Rowdy-Hausfrauen an einer Supermarktkasse. Orson Wells' "Big Brother" hat inzwischen längst unzählige kleine Schwestern und Brüder bekommen und du bist - als Gipfel des Horrorszenarios - ob du willst oder nicht - einer von ihnen!
»Die Fahrkarten bitte!« Zurück im realen Sci-Fi-Geschehen des RE1, pack' ich entnervt mein Printmag aus dem ca. vorletzten Medienzeitalter zusammen und lass' mich hin zu den Verlockungen auf dem Display meines left-side-users entführen. Dort lächelt Gina. Sie ist 20, aus Pennsylvania und ihre Stimmung, am Icon unverkennbar, derzeit: »abenteuerlustig«. Ihr MySpace-Motto lautet: »You better start swimming or you sink like a stone...«. Währenddessen ich so darüber nachdenke, sorgt selbst die imaginäre Byrds-Kopfhörversion dieses Bob Dylan-Items bei mir für eine leichte Gänsehaut im ansonsten von menschlicher Wärme und Nähe mehr als wünschenswert erfüllten Zugwaggon der Klasse 2.
Left-side-user wechselt Blick zu Mike. Der hatte sich bei Gina für's 'adden' bedankt und die Indie-Tracks des 'sweet chicks' für »sooo aawwwrrr!« befunden. »Cute« sei sie außerdem. Kein Wunder, denn Gina stylt sich für lookbook.nu in hippen Vintage-Klamotten und bekommt auch hier wieder ein paar herzrührende »aawwwesomes« 'zugerufen'. Mike ist, wie mir weiterhin völlig unfreiwillig zuteil wird, aus Krefeld, 25 und Concert Photographer, was er anhand einiger ansprechender Aufnahmen vom letzten Einsatz bei einem Tocotronic-Gig belegen kann. Mit 687 Freunden im Profil, zählt Pic-Man Mikeyy allerdings eher zu den Durchschnittstypen. (Bedenklich dagegen: Meine Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Stimmt da was nicht? Mit meiner Hand??)
Lysann gehört zu Mikes Top Five Friends. Well done, babe! Babe stammt aus Karlsruhe, ist 22 und »using Twitter«, 'folgt' hier im ultrafashionablen, globalen Mini-Weblogging keinem Geringeren als Barack Obama, der aktuell (Jan 19th from web) darum bittet, Dr. Martin Luther King zu ehren und USAService.org zu unterstützen. Und Lysann is - tatsächlich - following John Cleese, der der Welt kürzlich dringend riet: »Whatever you do, don't type Yahoo into Google!«... oder einige Tage später wort-scherzt: »The nine people who use the word irregardless should not be misunderestimated...«. Verschmitzt grinst left-side-user und köstlich amüsiert drehe ich mich tief durchatmend zum Fenster. Da lächelt der Fernsehturm und die ebenso freundliche Stimme der Bahnhofsdurchsage: »Berlin-Alexanderplatz«.
Wieder zurück aus der Hauptstadt, mach' ich mich gleich ans Werk und entwerfe mein MySpace-Profil. Neben einem reizenden Foto wird dort zu lesen sein: Dear Millions! »People come, people go, some grow young, some grow cold... think of me what you will I've got a little SPACE To FILL... 'cause you don't know how it feels - to be me!...« (explained by Tom Petty in 1994) Höchste Zeit schließlich, für My Space in this world. Denn wie es Ginas Bob Dylan in seiner ihresgleichen suchenden Weitsicht bereits gar 1964 prophezeite: »You better start swimming...« - na, ihr wisst schon.