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Mental Season / Same – CD-Review

Mental Season / Same

Die Bandgeschichte von Mental Season liest sich durchaus spannend, denn sie nimmt ungewöhnliche Wendungen. Bereits seit den ersten Jahren des neuen Millenniums tourten die vier inzwischen gereiften Musiker aus Augsburg mit Kollegen und Covermusik bewaffnet durch die Lande. 2015 endete dieser Abschnitt und Steve, Ewi, Earny und Chris beschlossen eine gemeinsame  Fortsetzung musikalischer Aktivitäten, doch nunmehr als eigenständige Band. Nach all den Jahren. Der Vorteil liegt natürlich auf der Hand. Wer sich über mehr als ein Jahrzehnt gemeinsam die Hörner hat abstoßen können, der bringt die nötigen Voraussetzungen für ein eigenes Projekt mit und startet sozusagen aus dem freien Flug.
Die Band betont übrigens ausdrücklich, dass man zunächst keine Ahnung hatte, wohin stilistisch die Reise gehen würde. Auch ein aufregender Ansatz.

Wer sich mit Fronterfahrung nach so langer Zeit an sein erstes eigenes Projekt wagt, hat somit zahlreiche Pluspunkte schon einmal im Gitarrenkoffer. Und genau das hört man von der ersten Sekunde des sehr schönen Albums, das den gleichen Namen trägt wie die Band: "Mental Season". Melodischer Progressive Rock trifft es am Besten, doch wer sich nun vor zu viel getragener Melodik fürchtet, dem sei eindringlich Mut gemacht. Mental Season klingen von Beginn an wunderbar authentisch, die Musik ist abwechslungsreich und häufig ein wenig meditativ, oft nachdenklich und durchaus vom Folk beeinflusst wie in dem wunderschönen "Magnificent Display Pt. 1". Die Arrangements sind Lichtjahre entfernt von seichter Melodic um ihrer selbst willen, unsere Augsburger kreieren mitreißende und tief bewegende Atmosphären, in denen man sich Zeit lässt, die Stimmung behutsam aufzubauen und wirken zu lassen. Die Keyboards sind niemals aufdringlich, sondern legen sensible Klangteppiche, die mitunter auch schöne sinfonische Momente schaffen. Die elektrische Gitarre greift genau zum rechten Zeitpunkt ein und bäumt sich, vielleicht ein wenig in Dave Gilmour-Manier, auf zu ausgeklügelten und sehr schön nachwirkenden Highlights voller Spannung und beschwingtem Wohlgefühl. In diesen Momenten ist man dem Neo-Prog sehr nah, meist aber sogleich wieder mit sehr zurückgenommenen Passagen eingefangen. Ein tolles Farbenspiel der Klänge und Rhythmen, ein bisschen wie Claude Monets Bilder in der Sprache der Rockmusik.

Schon der spannende und kompakte Opener, "How Many Times", schafft Vertrauen und weckt Interesse. Diese Musik geht ins Ohr, aber auch direkt weiter ins Herz, ein Spirit, den "Fly Away" aufnimmt und weiter entwickelt.
Vor allem aber wird der Sound der Band geprägt durch den harmonisierenden, weichen Gesang von Steve, der für mein Empfinden sehr viele Akzente eines Jackson Browne in seiner eindrucksvollen und sehr eingängigen Stimme vereint. Diese melancholische Stimme hält die Kompositionen beieinander, gemeinsam driftet man, besonders in den ruhigen Momenten, erhaben wie ein sanft treibender Strom dahin – Lotusblüten und Schwimmkerzen, die im letzten Licht des Tages den Ganges stromabwärts streben. Hab ich mal im Fernsehen gesehen, ein traumhaftes Bild von Frieden und Spiritualität.

Man höre dazu die Gänsehautmusik in "Man On The Field" mit seiner sensiblen Schönheit und den ethnischen Applikationen. Aber das friedliche Bild des transzendentalen Indiens gehört hier eher nicht her. Vielmehr ist dies die traurig schöne Ballade eines einsamen Häuptlings, der seinem unvermeidlichen Schicksal entgegen sieht. Und vielleicht eine Parabel auf unsere heutige Zeit. Doch wer hört heute noch den Prophezeiungen zu, wer lauscht den Klängen unseres klagenden Planeten? Diese Nummer geht wirklich nahe.

Und wenn "Fantasy" startet, dann könnte man fast glauben, Loreena McKennittts Harfe zu hören, doch die anrührend schönen, gesungenen Hooklines vermitteln sehr viel mehr von der Atmosphäre, die Ray Wilson so eindrücklich zu schaffen versteht, vor allem auf seinem Album Makes Me Think Of Home. Die kreiselnd repetitiven Keyboards spornen dann die Gitarre zu einem der schönsten Momente auf dem gesamten Album an. Ganz entspannt, ohne Protzerei, aber äußerst stimmungsvoll und am Ende mit sattem Bombast, der dennoch nicht wie ein Stilbruch wirkt. Die Musik fließt ineinander und ergibt einen äußerst stimmigen Flow, von dem man sich gerne davon tragen lässt.

Nein, zugängliche und wohlklingende Musik ist eben nicht gleichbedeutend mit Trivialität, wenn man subtil mit Melodic umzugehen versteht und diese in eine tiefe Musik voller Nachdenklichkeit und auch ein Stück weit Demut einzuflechten versteht. Dann werden starke Emotionen erzeugt – wie im Übergang von "Fantasy" zum bereits genannten "Magnificent Display Pt. 1", das ist Kopfkino vom Feinsten.

"Souls Of The Night" mit seinem nachdenklich romantischen Text lebt von den tollen Tasten-Sounds, die die passende Atmosphäre einer sternenklaren Nacht heraufbeschwören: .za:Stell Dir vor, jeder Stern am Himmel wäre die Seele eines Menschen, der dem simplen irdischen Leben entkommen ist… Lasst die Sterne heller scheinen und mit den Engeln flirten«, frei übersetzt.
Wow, mehr sag ich jetzt nicht, dafür sind meine Eindrücke zum Thema noch viel zu frisch.

Der Titelsong setzt dann sozusagen als Essenz oder Indikator des eigenen Konzepts fast vierzehn Minuten lang noch einmal alle prägenden Stilelemente ein, die uns bereits durch das Album begleitet haben. Schöne sinfonische Soundwände und eine epische Gitarre, immer im Wechsel mit sanft getragenen Passagen mit akutischer Gitarre und sphärischen Klängen, auch hier wieder traumwandlerisch durch den sensiblen Gesang angeführt. Und das Finale ist richtig Klasse, großes Prog-Kino.

Mental Season haben mich mit ihrem Debüt voll und ganz überzeugt. Eine Musik mit sehr hohem Wiedererkennungswert, die auf sanfte Formen und Klangfarben setzt, aber immer wieder mit raffinierten Soundspielereien für völlig unterschiedliche Stimmungen sorgt und markante Momente zu erschaffen weiß. Dieses Konzept wird sehr überzeugend vorgetragen und der geneigte Zuhörer freut sich am Ende des Werks schon heute auf den Nachfolger. Ich bin mir ziemlich sicher, Mental Season haben noch einige Pfeile im Köcher, man darf sehr gespannt sein auf die Zukunft.

Ein sehr zu empfehlendes Album, bestellbar im Onlineshop der Band. Greift ordentlich zu!


Line-up Mental Season:

Steve Pritschet (vocals, keyboards, acoustic guitar)
Stefan 'Ewi' Kaiser (bass, keyboards, backing vocals)
Earny Rehm (guitar)
Chris Ziegelmaier (drums)

Tracklist "Same":

  1. How Many Times
  2. Fly Away
  3. Fantasy
  4. Magnificent Display Pt. 1
  5. Man In The Field
  6. Souls Of The Night
  7. Magnificent Display Pt. 2
  8. Mental Season

Gesamtspielzeit: 60:40, Erscheinungsjahr: 2020

Über den Autor

Michael Breuer

Hauptgenres: Gov´t Mule bzw. Jam Rock, Stoner und Psychedelic, manchmal Prog, gerne Blues oder Fusion

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1 Kommentar

  1. EL, Ex-Keyboarder und Komponist von Fantasy

    Hallo Michael,

    vielen Dank für die lobenden Worte über "Fantasy" und auch "Fly away", die beide zumindest harmonisch und kompositorisch tatsächlich von mir , dem Ex-Keyboarder der "Mental Season" -Vorläuferbands "Westside" und "Track 9" stammen, was übrigens auch belegbar ist !
    Aber allein ein e c h t e r Live-Test von "Fantasy" würde den jetzigen "Keyboarder" leider böse entlarven, wenn er es genau so spielen wollen würde, ..sorry Ewi ! 😉

    Auf der CD hörst Du dazu sogar noch größtenteils meine Original-Keyboardspur, die ich im Studio unmittelbar vor meinem nicht ganz freiwilligen Ausstieg im Herbst 2012 noch eingespielt hatte ! Also, "Loreena’s Harfe" wurde also von mir eingespielt, das ist die Wahrheit, die meine Ex-Bandkollegen unverständlicherweise leider auf dem Album einfach totschweigen, was mich, so glaube ich, dazu mit dem Recht des Komponisten zu Recht sehr enttäuscht und empört, weil es einfach dreist ist, das völlig unter den Tisch fallen zu lassen, wenn man den Song auf einem Album veröffentlicht !

    Es stimmt leider auch nicht, das, wie im Bandinfo behauptet, die Vorläuferbands vorher nur gecovert hätten, nur das klingt halt besser als zuzugeben, das insgesamt 6 Songs des neuen Albums schon deutlich älter sind als behauptet und vor allem nur teilweise von dieser Bandbesetzung geschrieben wurden, sie wurden höchstens etwas bearbeitet, aber im Wesentlichen sind sie gleich geblieben und deshalb auch klar erkennbar, wenn man die Aufnahmen vergleicht.

    Deshalb danke ich Dir um so mehr für die Anerkennung für diese Songs ! Im Gegensatz zu Mental Season, die tatsächlich nur "Magnificent" wirklich in unter diesem Namen geschrieben haben, stammen die meisten Songs bereits aus den 80ern von der Augsburger Progressivrockband "Westside" und "Fly away" und "Souls of the night" wurden bis 2012 von "Track 9" auch live gespielt, da sie nur zeitweise eine reine Coverrockband waren.

    Hier noch ein alter Link dazu: https://www.track4.de/band/5402/

    Die Original homepage track-9.de wurde nun leider stillgelegt, nachdem ich diese auf fb zu die Originalaufnahmen von 6 Songs, die sich nun auf dem neuen Album befinden, verlinkt hatte, was als mein Kommentar leider auch einfach gelöscht wurde..

    Übrigens.., ich finde natürlich, trotz des bitteren Beigeschmacks für mich, auch die alten Songs, an denen ich kompositorisch nicht mitgewirkt habe, wie "Mental Season" oder "Man in the field" toll aufgenommen und produziert, denn ich habe sie immer gern und auch oft gespielt.. Den zweiteiligen neuen Song finde ich auch gut !

    Also, ich mag selbstverständlich das Album natürlich auch deshalb, weil meine musikalischen Kreativität da mit drin steckt ! Mögen Mental Season damit den Erfolg haben, den sie sich nach all den brotlosen Jahren erhoffen ! Ich wünsche mir jedoch mehr, das Sie aber auch zur weisen Einsicht gelangen und mir, ihrem alten Keyboarder, die ihm zustehende Anerkennung in den credits auf der Bandhomepage zu Teil werden zu lassen, denn das wäre – zur Abwechslung mal – fair und angemessen !

    Gleiches gilt übrigens auch für den Song-Anteil der anderen ehemaligen Mitglieder von Westside und Track9, die bei anderen Songs, wie beispielsweise "Man in the field" kompositorisch maßgeblich mit beigetragen haben, wie Gitarrist Steve Groer oder mein Vorgänger bei "Westside" Michael Neumann !

    Sorry Jungs, aber das musste geschrieben werden !

    EL

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