Acid Rain / The Descending Line
The Descending Line Spielzeit: 49:52
Medium: CD
Label: Eigenproduktion, 2010
Stil: Prog Metal

Review vom 10.04.2010


Boris Theobald
"The Descending Line" ist das Ergebnis jahrelanger musikalischer Tüftelei in den Proberäumen von Buenos Aires. Dort tummelte sich seit 2002 in teilweise wechselnder Besetzung dieses kleine Grüppchen argentinischer Prog Metal-Freaks, das sich alsbald den Namen Acid Rain verpasste und anno 2010 der großen weiten progressiven Welt beweist, dass man als die 'großen Meister' intensiv studiert hat. Was im Falle von Acid Rain mit Sicherheit Dream Theater sind.
Referenzen an das New Yorker Quintett ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Man kann sogar deutlich ausmachen, welches die mutmaßlichen Lieblingsalben der Argentinier sind, nämlich "Metropolis Part 2 - Scenes From A Memory" und "Six Degrees Of Inner Turbulence" (davon die entsprechend betitelte zweite CD). Denn es sind nicht nur die individuellen Avancen an Stil und Technik von Portnoy, Petrucci, Rudess und Myung, sondern es ist auch das Songwriting, was dem Kenner leeeeise zuflüstert psssst, das hatten wir doch schon mal...!!
Leise, denn mitnichten würde ich dieser jungen Truppe einen Plagiatsvorwurf machen wollen. Nicht beim ersten Album, nicht wenn es sich um solche 'Exoten' handelt (sorry liebe Argentinier, ich mein's ja nicht negativ!), und erst recht nicht, wenn wie im Fall von "The Descending Line" Qualität, Inspiration und hörbar Herzblut drinstecken.
Das erste, was positiv auffällt, ist der klare Aufbau des Albums. Meine spontane Frage an mich selber, ob's denn beim Debüt gleich ganz großspurig ein Konzeptalbum (über einen Mann, der in einem Krieg kämpfen musste und dessen innere und äußere Wunden nicht verheilen) sein musste, beantworte ich nämlich nachträglich mit einem klaren 'Yops!' Zu vier Kapiteln gehören jeweils zwei oder drei Tracks; der erste ist stets rein instrumental.
In diesen gesangsfreien Zonen toben sich die Musiker nach allen Regeln der Kunst aus, wobei die mehrminütigen Exerzizien aufs Angenehmste Spielintelligenz und Gefühl miteinander verbinden. Immer ist Spektakel angesagt, denn der komplette rhythmische Unterbau entwickelt sich ständig weiter und lässt einen keine Sekunde los. Auf der einen Seite entfalten intuitive, aber dennoch unvorherhörbare Melodien Stück für Stück ihre Anziehungskraft, auf der anderen Seite wird die technische Dimension nie außer Acht gelassen und rückt so manches Mal angenehm unaufdringlich in den Fokus. Paradebeispiel: das affengeile Soloduell in "Beyond Reality" - ein echter Kinnklapper!
Auch in den Stücken mit Gesang schlackert das Prog-Ohr bei filigranen Parallelfrickeleien im krummen Takt mit, insbesondere beim annähernd neun Minuten langen "Time To Plant Destruction" (ziemlich aggressiv - erinnert an Dominicis O3 A Trilogy - Part 3), wo ein genial ausgetüfteler Instrumentalpart das Stück zu einem prächtigen Gänsehaut-Finale führt. Damit ist der Song aber eine Ausnahme, denn die meisten Nummern haben eine recht übersichtliche Struktur, was ich auch sehr begrüße, denn Raum zum epischen Austoben bieten ja die Instrumentals.
Acid Rain haben da ein paar sehr amtliche Heavy-Hymnen am Start, die in ihrer Grobstruktur sehr straight sind, aber im Detail hübsch vertrackt. Die Abwechslung zwischen Double Bass-Brechern wie "Chasing Dreams", knisternd spannenden Akustik-Thrillern wie "Never-Ending Nightmare" (geht in Richtung Tomorrow's Eve) und annähernd Musical-haften Nummern wie "Rough Spirit" oder "The Descending Line", die sich von lyrisch bis dramatisch durchentwickeln, ist genau das, was so ein Konzeptwerk braucht und verleiht dem Ganzen nicht zuletzt das 'Kino-hafte' des bereits erwähnten Überalbums "Scenes From A Memory".
Auch für die Familienportion an Pathos hat man so ein stattliches Vorbild, wobei Acid Rain hier und da die Grenzen doch arg ausloten und in ihrer expressiven Art an eine Reihe von Italo-Metallern erinnern - "Chasing Dreams" könnte beispielsweise glatt von Daniele Liverani für Twinspirits geschrieben worden sein. Liegt auch an den offensiven, theatralischen Vocals von Sebastián Fernández. Die sind zuweilen gewöhnungsbedürftig (er 'schreit' manchmal ein bisschen), aber insbesondere in den mehrstimmigen Arrangements richtig stark - der Lead Gesang in metallischer 'Normalhöhe' wird ganz oft von irre hohen Screamlines gedoppelt. Coole Sache.
Eine Stärke des Albums ist, dass man in der Schlussviertelstunde nicht längst alles Pulver verschossen hat, sondern sogar nochmal zulegen kann. "The Light Inside You" ist ein echtes Highlight, beinhaltet auf engstem Raum geniale Gefühlswallungen zwischen optimistisch und dramatisch und wird final noch von einer großartigen (!) souligen Frauenstimme in höhere Sphären gehievt - was allerdings schon wieder von "Scenes From A Memory" abgekuckt ist. Und auch das letzte Instrumentalstück "Memory Waves" hat's in sich, in Form eines mehrminütigen, schwer progressiven Latin-Einschubs. Klingt immer gut, aber weil im Falle von Acid Rain diese Einflüsse tatsächlich von 'daheim' kommen, hört man ganz besonders gern zu.
Unterm Strich ist den Argentiniern ein starkes Debütalbum geglückt. Bis zum nächsten Mal müssen nur noch diese überdeutlichen Dream Theater-Anleihen verschwinden. Okay, zwar habe ich nun auch ein paar andere Namen fallen lassen. Es gibt aber solche Stellen, die einfach zu 'krass' sind... wie die in "Rough Spirit", die harmonisch exakt in die "One Last Time"-Reprise von "Finally Free" führt, oder der Anfangsdrive von "Hold My Tears", der tierisch an "About To Crash (Reprise)" erinnert. Aber wie das nun mal ist - klare Referenzen sind Fluch und Segen zugleich. Wenn sie beim nächsten Album noch vorhanden sind, werden sie wohl eher zum Fluch. "The Descending Line" möchte ich aber trotz überdeutlicher musikalischer Heldenverehrung den Qualitäts-verliebten Prog-affinen Metal-Hamstern ans Herz legen!
Line-up:
Sebastián Fernández (lead & background vocals)
Mariano Revilla (electric, acoustic & spanish guitar)
Andrés Blanco (piano, keyboard, background vocals)
Ezequiel Giménez (6 string & fretless bass, background vocals)
Martín Magliano (drums & percussion)

Guest musicians:
Emiliano Obregón (guitar - #3, 6)
Micaela Dive (lead & background vocals - #3, 8)
Agustín Uriburu (cello - #10)
Tracklist
Chapter I: Overcast By Life

01:Doors Of The Mind (4:53) [Instrumental]
02:Chasing Dreams (4:13)
03:Rough Spirit (4:30)

Chapter II: The Unsent Letters

04:Beyond Reality (5:10) [Instrumental]
05:Time To Plant Destruction (8:53)
06:Never-ending Nightmare (4:29)

Chapter III: Solitude Flame

07:Hold My Tears (2:18) [Instrumental]
08:The Light Inside You (5:24)

Chapter IV: Epilogue

09:Memory Waves (4:20) [Instrumental]
10:The Descending Line (5:35)
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