Chris Eckman / Harney County
Harney County Spielzeit: 44:32
Medium: CD
Label: Glitterhouse (Indigo), 2013
Stil: Singer/Songwriter

Review vom 29.11.2013


Joachim 'Joe' Brookes
Wenn Memoiren so sehr faszinieren, dann kann es durchaus sein, dass man sich dorthin begibt, wo der Autor sein Leben verbrachte. So erging es vor vielen Jahren dem Walkabouts-Frontmann Chris Eckman, für den das Buch "Owing It All" von William Kittredge wie ein Magnet war. Chris Eckman besuchte das im Südosten von Oregon gelegene Harney County zirka Anfang der Neunzigerjahre und ganz Künstler entstand daraus das erste Stück namens "Death At Low Water", erschienen auf dem Chris & Carla-Album "Life Full Of Holes".
Bezüglich der Thematik und der Region, in der der Autor lebte und die Chris Eckman besuchte, braucht man keine weiteren Informationen. Harney County wird durch die vier Bilder auf und im Digipak inklusive fünfzehnseitigem, eingeklebtem Booklet verdeutlicht. Die Fotos illustrieren eine Landschaft, in der es wohl selbst die härtesten Pflanzen schwer haben zu existieren. Steine sind gezeichnet von den Extremen der Witterung, die an ihrer äußeren Schale nagt. Beim Coverbild kann man sich vorstellen, wie auslaugend dort ein Sommer sein muss.
Chris Eckman hat versucht, die Eindrücke des Buches mit seinen eigenen zusammenzubringen und herausgekommen sind acht Lieder, die die künstlerische Fusion zwischen Buchvorlage sowie empfundener Realität in wunderschöne Klänge/Texte gemeistert hat. Dabei war ihm Žiga Golob eine große Hilfe, denn Chris Eckmans fünftes Album wurde fast ausschließlich von ihm und dem gerade erwähnten Kontrabassisten eingespielt. Mit dem Gitarristen Paul Austin war ein weiteres Walkabouts-Mitglied für einen Track dabei und auch Terry Lee Hale ließ es sich nicht nehmen, seine Mundharmonika in "Many Moons" einzubringen. Chris Eckmans Frau Anda singt die Backing Vocals und Milan Cimfe ist bei selteneren Einsätzen für das Schlagzeug zuständig.
Der Protagonist hat sich mit "Harney County" wohl selbst ein Denkmal gesetzt. Die knapp fünfundvierzig Minuten sind eine Art musikalischer Reiseführer für eine Region, in der man vielleicht gar nicht so gerne verweilen möchte. Allerdings vermag Chris Eckman einem auch die schönen Seiten dieser schroffen Landschaft auf ganz entspannt-ruhige Art näher zu bringen. Gemeinsam mit dem Traditional "Katy Cruel" bietet uns der Künstler einen in allen Belangen emotional-bewegenden Transfer seiner Eindrücke.
Fast möchte man, besonders bei "Sound Of No Return", von den ganz großen Gefühlen sprechen, die nicht zwischen Melancholie, Tristesse und Freude unterscheiden. "Harney County" ist ein echtes Chris Eckman-Solowerk. Man darf diese Platte nicht mit Tonträgern der Walkabouts, Dirtmusic oder L/O/N/G vergleichen.
Für "Many Moons" lockert man die Zügel um einige Zentimeter. Mit Milan Cimfe am Schlagzeug geht es plötzlich doch rockend durch das Country und Terry Lee Hale serviert uns beste Desperado-Harp dazu. Wohl ziemlich überrascht ist man, wenn auf der "Harney County"-Rundreise plötzlich eine Nummer mit einer Spielzeit von fast elf Minuten auftaucht. "Rock Springs" ist der Frostlöser für die eiskalten Nächte und einen Wind, der keine Gnade kennt. Diese Komposition ist die vielleicht noch fehlende Geschichte in den Memoiren von William Kittredge. Chris Eckman & Co. bringen es fertig, einen Song so spannend zu arrangieren, dass es in keiner Sekunde zum Kollaps des Interesses, der Neugierde kommt. Klasse!
Für ein Album von beeindruckender Ausstrahlung ist es schon Pflicht, die Texte mitzuliefern. Alle sind im Booklet nachzulesen und deren Einklang mit der Musik zu genießen. "Harney County" entstand übrigens zu einer Zeit, als bei den Walkabouts Travels In The Dustland angesagt war.
Nur bei einem so gefühlvollen wie auch anmutigen Album wie "Harney County" machen Chris Eckmans Worte zum Album auf seiner Homepage Sinn: »What has been left out of this music is arguably more important than what has been added to it.« Und mit dem letzten Satz seiner Ausführungen keimt freudige Erwartung auf: »And finally, now that the album is done, I think I can move on and find a new place about which to obsess.«
Line-up:
Chris Eckman (vocals, guitars, keyboards)
Žiga Golob (upright bass)

With:
Milan Cimfe (drums, percussion)
Anda Eckman (backing vocals)
Paul Austin (electric guitar - #2)
Terry Lee Hale (harmonica - #6)
Tracklist
01:Nothing Left To Hate (4:52)
02:The Carnival Smoke (4:50)
03:Requiem For The Old Skool Heavy (5:00)
04:Katy Cruel (4:14)
05:Sound Of No Return (5:59)
06:Many Moons (3:27)
07:Rock Springs (10:58)
08:Ghosts Along The Border (5:12)
(all songs written by Chris Eckman except #4 Traditional)
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