
Es war nicht nur das aktuelle Album Evolution, das mein Interesse an einem Live-Auftritt von Errorhead anwachsen ließ, sondern auch die Tatsache, dass sich Bandboss Marcus Deml mit Karsten Stiers einen neuen Sänger ins Boot geholt hatte. Bis zum heutigen Tag wollte ich nicht warten - deshalb schaute ich mir die Deml/Stiers-Konstellation bereits vor ein paar Monaten, am vergangenen 26. Juli bei der Worpswede-Open-Air-Veranstaltung, an. Die dort gewonnenen Eindrücke erzeugten bei mir nur noch mehr Appetit und ehe ich mich versehe, sitze ich an vorderster Front meines zweiten Wohnzimmers, dem Quasimodo, um mir die Kapelle noch ein weiteres Mal reinzuziehen.
 Dass Marcus Deml für mich zu einem der weltweit besten Gitarristen zählt, unterstreicht er schon mit den ersten Gitarrenläufen beim Eröffnungssong des heutigen Abends: Connected, ziemlich fett. Fortlaufend wird mir bewusst, warum mich der Hamburger Gitarrenchampion so beeindruckt. Er spielt seine Strats mit einer sehr intensiv ausgeprägten filigranen Fingertechnik, wobei er dabei nie in sinnlose Frickelei abdriftet und von daher sein Saitengezupfe dermaßen songgerecht serviert, sodass ich seinen Gitarrenzauber nur mit Bestnoten versehen kann. Kurzum, Marcus Deml hat das gewisse Etwas, ein außergewöhnliches Feeling, mit dem er die Songs perfekt ins rechte Licht rückt, damit diese von seinen Fans mit gebührendem Applaus quittiert werden. Oft kann ich aus nächster Nähe sein Geklampfe genauestens beobachten und denke dabei, einem musikalischen Genie gegenüberzusitzen. Ist er vielleicht der Mozart des 21. Jahrhunderts?

Sänger Karsten Stiers führt aufgrund seines guten Entertainments die Show, weiß deshalb nicht nur durch seine Stimmbänder bei seinen Gesangsvorträgen, die er auch noch in ungeahnten Höhen gut zu präsentieren weiß, zu überzeugen, sondern sorgt durch zahlreiche witzige Dialoge für einige Heiterkeitsattacken unter den Anwesenden. So stellte er seine Bandkollegen bei "Where Did Our Love Go?" als »Sympathieträger« vor und kündigt anschließend Zacky als »Schlagzeug-Schlumpf« sowie Frank Itt als »Die Prinzessin der rhythmischen Ereignisse, die bezaubernde Frank Itt« und Marcus Deml als »Die Fee der Melodie, die zauberhafte Marcus Deml« an. Bevor die Fans Stiers Anweisungen befolgen können, ist es Bassist Itt, der mit päpstlicher Ausstrahlung den Anwesenden den Begriff 'Inbrunst' wie folgt erklärt: »Da wir heute personell begrenzt sind, müssen wir das mit Einsatz wettmachen. Der Fachmann spricht von Inbrunst. Für die Leute, die das Wort noch nicht gehört haben: Inbrunst bedeutet so viel wie 'in sich brunsten'... «. Also ehrlich, diese Showeinlagen animeren meine Lachmuskeln zur Höchstleistung und so ist es nicht verwunderlich, dass die Menge sich dem Refrain hemmmunglos hingibt und die Textvorgaben der Band fleißig mitschmettert. Bei der Gelegenheit möchte ich schnell noch eine Quizfrage loswerden: Welchen berühmten Sänger begleitet der Bassexperte noch nebenbei an seinem Tieftöner?
*Die Lösung folgt am Ende des Textes.

Doch bereits vorher, und zwar recht schnell, hatte es die Band geschafft, mit dem Publikum eins zu werden. Ob es Zackys wahnsinniges Drumsolo, bei dem er seine Becken per extremen Körpereinsatz und bloßen Händen wie ein langjähriger Pizzabäcker derart verbiegt und malträtiert, anschließend seine Sticks wie die Rotoren eines Hubschraubers umherfliegen lässt oder der schwergewichtige Edelbasser Frank Itt seinem fünfsaitigen Tieftöner einen Sololauf der Extraklasse abverlangt: Beide Musiker brillieren mit internationaler Spitzenklasse! Diese Feststellung gilt natürlich auch für die beiden Frontmänner Deml und Stiers. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, dass bei meinen zahlreichen Konzertbesuchen irgendein Sänger die Enterprise-Melodie quasi 1:1 ins Mikro gehaucht hat. Karsten Stiers hat dies so überzeugend widergespiegelt, sodass mein Kopfkino das Raumschiff durch die unendlichen Weiten des Weltalls hinweggleiten sieht. Klasse Vorstellung, Karsten!
 Als die Messe nach gut zwei Stunden gelesen ist, indem es Kostproben aus allen bisher erschienen Errorhead-Alben gab und es in allen Ecken des Quasimodo reichlich 'funkte', komme ich ohne großartige Überlegungen zur Erkenntnis, dass die Leute, die sich entschlossen hatten, dem Konzert beizuwohnen, Zeugen eines Live-Spektakels von internationalem Format wurden. Jeder Musiker bestach mit absoluter Spitzenqualität und Errorhead unterstrich im Verbund eine geballte Ladung Spielfreude, die für meinen Geschmack keine Wünsche offen ließ.

Einen Tipp möchte ich der Berliner Rockfangemeinde noch ans Herz legen: Es ist sicherlich völlig okay, die Großen des internationalen Musikgeschäfts in den großen Hallen mit fünfstelliger Besucherkapazität aufzusuchen, um so den Musikern ein angenehmes Leben zu verschaffen - keine Frage. Doch es macht auch Sinn, die Berliner Clubszene nicht aus den Augen zu lassen: Errorhead hat an diesem Abend ganz fett unterstrichen, dass man für bescheidene 20 € ein großartiges Konzert erleben kann. Und warum soll man die Clubs und deren auftretende Künstler nicht auch mal unterstützen? Verdient haben sie es allemal!
Nun gut, wer meint, dass ich mit meinem Deml/Errorhead-Feedback übertreibe, dem sage ich: Schaut Euch Errorhead unbedingt bei einem ihrer Konzerte der "Evolution"-Tour 2014 in Eurer Nähe an! Ich bin mir sicher: Ihr werdet diesen Konzertbericht bestens nachvollziehen können.
*Auflösung der Quizfrage: Howard Carpendale.
Line-up:
Karsten Stiers (vocals)
Marcus Deml (guitar)
Frank Itt (bass)
Athanasios 'Zacky' Tsoukas (drums)
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