Rickie Kinnen & Calle Dürr. Zwei Musiker - eine Platte - zwei Meinungen.
János vetritt die junge Redakteursspezies:
Ja, so real, spielen Frau Kinnen und Herr Dürr aus der bayrischen Landeshauptstadt keine Singer/Songwriter-Musik, sondern sind anderweitig im Showbusiness beschäftigt. Erstere spielt gerne Hauptrollen in Musicals oder sang mal als Backgroundvokalistin für Gloria Gaynor, deren Disco-Mucke ungefähr so real ist wie der real existierende Sozialismus real war. Dürr ist u.a. als Studiomusiker tätig, arbeitet auch bereits mit großen Namen zusammen. Ergo handelt es sich hier um erfahrene Musiker, die ihr Handwerk absolut beherrschen, also ist 2005 eine absolut perfekt klingende CD auf den Markt gebracht worden.
Aber irgendwie ist dieser Perfektionismus nichts für meine Ohren: Die Akustikgitarre ist mehr als sauber und fein gespielt, die Dame singt zu schön, um wahr zu sein. Diese akustische Singer/Songwriter-Musik will bei mir auch nach dem sechsten oder siebten Anhören nicht zünden, da die Songs auf eine gewisse Weise immer gleich klingen, bedingt auch durch die beschränkte Instrumentierung wird auch wenig Abwechslung geboten. Wenn hin und wieder ein zusätzliches Instrument (Piano, Akkordeon, Cello) auftaucht, dann geht das auch mehr oder weniger unter. Es fehlen hier einfach die Ecken und die Kanten, das ist Wohlklang hoch zwei.
Die Songtexte sind auch voller altbekannter Metaphern, die mir wie nichtssagende Worthülsen vorkommen. Der Opener "Moving On" ist noch recht gelungen, aber bereits beim Titeltrack geht einem doch irgendwie dieses "So Real"-Gesülze auf den Geist. Mit der Zeit geht mir auch der Vibratogesang von Frau Kinnen auf die Nerven. Ohne Frage besitzt sie eine ansprechende, leicht soulig angehauchte Stimme und man kann sich sie sehr gut in den Musicalrollen und als Backgroundvokalistin vorstellen, aber weniger ist eben manchmal mehr! Sie näselt auch ganz leicht, was ich persönlich überhaupt nicht ausstehen kann. Zum Glück wurde 2004 Ober-Näsler Jo Brauner in die Rente geschickt, so dass man die Tagesschau seitdem ohne Folgeschäden überstehen kann.
Dann darf man sich wenigstens über eine gelungene Coverversion freuen ("Blackbird" von den Beatles). Aber wer braucht die 179. Version eines abgenudelten Songs wie "I Can See Clearly Now"? Ich nicht, so real und in Gottes Namen. Die Musik von Rickie Kinnen und Calle Dürr mag vielleicht in einem eleganten Kaffeehaus an einem Sonntag Nachmittag oder im Restaurant eines Fünf-Sterne-Hotels die passende Hintergrundberieselung sein, aber für die heimische Wohnstube ist das nicht geeignet. Oder hat der Ignorant wieder zugeschlagen?
Nobert hört es mit den Ohren des Älteren:
Was juckt mich, was die beiden sonst machen, deswegen lass ich das umfangreiche Begleitmaterial gleich mal beiseite. Was da aus den Lautsprechern kommt, das ist durchaus hörenswert. Angenehm, gut produziert, eine keineswegs festgelegte Stimme, die mal mehr oder weniger sparsam arrangiert, ihre Songs vorträgt. Und Rickie Kinnen kann richtig singen, laut und leise, nicht nur säuseln, röhren oder erzählen. Und ihr Partner Calle Dürr ist ein klasse Gitarrist, da gibt es keinen Zweifel. Auch als Mixer hat er offensichtlich sein Metier gelernt, dass das erstmal ein 'Home Recording' ist, das wäre ohne Hinweis im Booklet sicher niemand aufgefallen. Für finalen Hörgenuss sorgte dann das Mastering im Pauler Acoustic Studio.
Was die beiden mit ihrem Debüt abliefern, das ist gut gemachte Popmusik und für meine Auffassung keineswegs zu glatt produziert. Klischees hin oder her, da landet oft ganz anderer doppelt und dreifach wiedergekäuter Phrasenmist in unseren Playern und das grad auch aus der härteren Rockmusik (von bestimmten Genres will ich hier gar nicht anfangen). Seine persönlichen Lieblingssongs, auch der mal sentimentaler Art, hat doch Jeder. Ich mag auch diese x-te, gefühlvolle Version von Johnny Nashs "I Can See Clearly Now" mit leichter Akkordeon-Begleitung und Zupf-Gitarre, auch wenn sich Frau Kinnen gegen Ende doch recht abmüht. Bei "Blackbird" stimme ich voll zu, ein gelungenes Cover und mit der jazzigen Gitarre als einziger Begleitung geht das schon gut in Richtung Friend 'N Fellow
(sicher das intellektuellere und musikalisch anspruchsvollere Duo).
Damit will ich keineswegs meinem, der jüngeren Generation zugehörigen Kollegen János nahe treten, das sind in erster Linie Geschmackssachen und was ihm zu poliert erscheint, hört sich für mich durchaus gut gemacht an. Will man eine Meßlatte anlegen, dann rangiert "So real" im Vergleich mit deutschen Produktionen weit oben und auch international kann sich der Erstling durchaus messen. Wenn ich mir überlege, was ich in letzter Zeit aus der Singer/Songwriter- und Vocal-Pop - Ecke so auf der Anlage hatte (ich sag nur Dixie Chicks), dann haben die beiden unter Mithilfe der 'Munic Connection' durchaus was sehr Ordentliches abgeliefert. Einzig, wo der Herr Erstrezensent sein »leichtes Näseln« heraushört, bleibt mir unergründlich. Entweder müssen wir mal unsere Anlagen eichen oder die RockTimes-Ohren ….
Also der Reihe nach. "Moving On" ist ein ansprechender Acoustic Track, nur Gitarre und Stimme (beim Chorus etwas aufgesampelt). Das Titelstück perlt schön folkig mit Country Touch, und gefällt den Fans dieser Richtung sicher ebenso, wie diverse Shania Twain-Produktionen. Da passt dann auch "Ask Me to Choose", die fällige "Ballade" mit Cello-Begleitung, dazu; meinetwegen lässt sich das unter Rock-Aspekten auch als Schnulze einordnen. "Away" ist ein weiterer Friend 'N Fellow-ähnlicher Song.
Bei dem ebenfalls akustisch instrumentierten "Time Flies" kommt mir die junge Joni Mitchell in den Sinn, wobei deren intimer Gesang natürlich von ganz anderer Art ist. "Ivory Tower" (schöne akustische Slide) und "Hiding" fallen mit ihren üppig aufgesampelten Vokal-Spuren dann doch etwas ab, wobei sich bei mir nun auch leichte Hör-Verschleisserscheinungen einstellen. Aber "Baby Doll" entschädigt dann wieder als schmelzender Pop-Slowsong. Wer Janis Ian Klasse zugesteht, kann sich diesem Song nicht versagen. "Innocent" ist nicht mein Ding, beim zarten "Lullaby" horcht wieder die 'Nashville-Fraktion' auf und der arg verzuckerte Final-Track "Choose (Zara's Version)" schaffte es bei mir bisher nicht bis zum Schlussakord.
Unterm Strich für mich eine überdurchschnittliche deutsche Pop-CD mit einigen durchaus anspruchsvollen Songs, allemal um Dimensionen besser als Sarah Connor und Co.; musikalisch sehr ansprechend und gekonnt umgesetzt. Das Duo pendelt zwar noch etwas zwischen Kunst und Mainstream, aber unter dem Gesichtspunkt, dass es sich um das Debüt und eine Eigenproduktion handelt, die inzwischen auch schon vor über anderthalb Jahren herauskam, geht mein Daumen klar nach oben. Gebt Rickie Kinnen & Calle Dürr eine Chance in den Medien und auf den Bühnen!
Line-up:
Rickie Kinnen (vocals and backingvocals)
Calle Dürr (acosutic guitars and additonal instruments)
Guest Musicians:
Sinisa Horn (fender rhodes # 3+10, cello arr. # 3)
Martin Kälberer (piano # 11, accordion # 6+12)
Tom Peschl (upright bass # 10)
Tobias Melle (cello # 3)
Stefan Zaradic (arrangement and production # 13)
| Tracklist |
01:Moving On
02:So Real
03:Ask Me To Choose
04:Away
05:Time Flies
06:I Can See Clearly Now
07:Ivory Tower
08:Blackbird
09:Hiding
10:Baby Doll
11:Innocent
12:Lullaby
13:Choose (Zara's Version)
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