Hartwig Biereichel:
Auch mit dem Wissen von heute,
würde ich nur wenige Sachen anders machen!
Hartwig Biereichel Im Zuge der Neuauflage zahlreicher älterer Novalis-Scheiben kam ich endlich wieder einmal dazu, mich mit einer meiner Lieblingsbands aus den Siebzigern zu beschäftigen. In einer schnelllebigen Zeit, in der sich Neuveröffentlichungen 'meterhoch' auf unseren Schreibtischen stapeln, hat man viel zu selten die Zeit und Muse, genüsslich zurückzublicken. Novalis-Drummer Hartwig Biereichel stand RockTimes für ein äußerst informatives Gespräch zur Verfügung, in dem durchaus auch Kontroversen zur Sprache kamen.

Eine höchst vergnügliche und informative Zeitreise, die einfach nur Spaß gemacht hat...

Bilder 1, 3 und vier von Hartwig Biereichel authorisiert - besten Dank dafür!


Interview vom 12.06.2012


Steve Braun
RockTimes: Hallo, Hartwig! Zunächst erstmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für unsere Fragen nimmst.
Hartwig: Mach ich doch gerne, bringt ja auch Spaß! Eins vorweg: Ich war weder damals noch bin ich heute sowas wie der 'Chef' der Band. Insofern bin ich kein echter Sprecher für Novalis. Alle Antworten stellen meine persönliche Meinung dar. Wir waren immer eine diskussionsfreudige Band - und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der eine oder andere Bandkollegen eine ganze andere Antwort auf Deine Fragen hätte.
RockTimes: In letzter Zeit wurden bzw. werden einige der alten Novalis-Platten von MiG Music neu aufgelegt. Wie ist die Resonanz auf diese Wiederveröffentlichungen?
Hartwig: Ich denke schon, dass man sagen kann: ziemlich gut!! Die genauen Zahlen kenne ich nicht und sind mir auch nicht sooo wichtig. Was wichtig ist, ist dass SPV und jetzt MiG nach und nach alle LPs als CD wieder auflegen und für den Fan dann irgendwann auch mal alles komplett ist. Die Rezensionen sind auf jeden Fall ziemlich gut. Es scheint fast so, als ob einige Kritiker, die die Band damals 'zerrissen' haben, den alten Zeiten und Novalis irgendwie nachtrauern... Hämische Töne gibt es jedenfalls relativ wenig, und mit berechtigter Kritik sind wir auch schon damals gut klargekommen.
RockTimes: Zur Vorbereitung dieses Interviews habe ich mich einen Tag lang mit euren sieben ersten Platten beschäftigt. Fazit: Für mich ging's so richtig erst nach dem Einstieg von Fred Mühlböck los. Doch dazu später...
Auf den ersten drei Alben hört ihr euch wie auf der Suche nach einem eigenen Stil an. Der Ausgangspunkt - das Debüt "Banished Bridge" von 1973 - mäanderte (noch ganz in Englisch gesungen) irgendwo zwischen Pink Floyd (Titelsong) und ELP ("Laughing"). Inwieweit haben euch diese beiden Bands anfangs beeinflusst?
Hartwig: Natürlich haben uns solche Bands beeinflusst, daran kam man ja auch nicht vorbei. Prog- bzw. Art Rock war die größte Musikströmung in der ersten Hälfte der 70er und junge Bands orientieren sich doch meistens an dem, was aktuell angesagt ist.Daran hat sich bis heute auch nichts geändert, oder? Dass wir englisch gesungen haben, lag schlicht und einfach daran, dass die Texte von unserem ersten Sänger, Jürgen Wenzel, alleine geschrieben wurden. Und der 'klassische' Einfluss von ELP entstand vielleicht auch dadurch, dass wir anfangs in gleicher Besetzung plus Sänger waren. Und mit Lutz Rahn hatten wir einen Keyboarder, der auf jeden Fall auch von Klassik inspiriert war.
Novalis live in Arnsberg RockTimes: Mit den beiden Nachfolgern "Novalis" (1975) und "Sommerabend" (1976) machtet ihr quasi euren 'Freischwimmer'. Allerdings ragtet ihr nun vornehmlich wegen eurer deutschen Texte aus dem Meer der progressiven, deutschen Krautrocker hervor. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?
Hartwig: Schon eine etwas längere Geschichte! Nach dem Erfolg von "Banished Bridge" haben wir uns immer mehr von Jürgen Wenzel entfernt, bis er dann Ende 1974 ausgestiegen ist. Da waren aber schon die Songs für die "Novalis"-LP in Englisch fertig. Bassist Heino Schünzel und der neue Gitarrist Carlo Karges (Detlef Job kam erst einen Tick später) wollten oder konnten aber die Gesangsparts nicht übernehmen. Überflüssigerweise kam auch mit dem Wegfall von Produzent Jochen Petersen, mit dem wir gut konnten, noch ein weiteres Problem dazu. Jochen hatte wegen der Verpflichtungen bei Randy Pie nicht mehr genug Zeit. Aber da kam Achim Reichel ins Spiel, der sich sehr intensiv in die Gruppe eingearbeitet hatte und sich neben der reinen Produzententätigkeit auch um Dinge wie Image, Identität und sowas gekümmert hat. Von ihm kam der Vorschlag, unserem Namen gerecht zu werden und das durch deutsche Texte, u. a. auch von dem Dichter Novalis (Friedrich Freiherr zu Hardenberg), auszudrücken.
RockTimes: Vor allem bei Lutz' Spiel kann man nun auch deutsche Elektronik-Einflüsse (vor allem auf "Novalis") hören. Täuscht dieser Eindruck?
Hartwig: Dazu sollte Lutz wohl besser selbst was sagen. Ich glaube eher, dass Lutz vom Jazz bzw. der Klassik her kommt. Aber er hat schon sehr früh mit Sounds und Elektronik experimentiert und solche Dinge in die Band reingebracht... und uns manchmal damit geärgert, weil es speziell bei Live-Konzerten immer irgendwie schepperte und krachte [lacht].
RockTimes: "Sommerabend" war de facto euer nationaler Durchbruch. Worauf führst Du den 'Urknall' durch dieses Album zurück?
Hartwig: Schwer zu sagen, aber vielleicht haben wir vielleicht genau den viel zitierten 'Zeitgeist' getroffen. Und aus der Fanpost weiß ich, dass vielen unsere gewisse Einfachheit oder Naivität gut gefiel, dies haben die meisten Fans als sehr authentisch empfunden.
RockTimes: Wie sah es danach mit den Plattenverkäufen (auch international) aus?
Hartwig: "Sommerabend" lief sehr gut, die 100.000er Grenze war schnell erreicht. Was das Ausland betrifft, war das eher gering - bis auf Japan.
RockTimes: Kam es im Anschluss zu Auftritten im 'Land der aufgehenden Sonne'?
Hartwig: Leider nein - das wäre ne tolle Sache geworden! Ich kann mich erinnern, dass wir Kontakt mit einer japanischen Agentur hatten und bereits anfingen, zu rechnen.
RockTimes: Schwachpunkt der ersten drei Alben war (in meinen Ohren) der Gesang. Warum habt ihr euch erst so 'spät' auf Sängersuche gemacht und wie seid ihr auf Fred gekommen?
Hartwig: Darauf bin ich vorhin schon etwas eingegangen... Wir haben wohl eine Zeit lang gedacht, dass wir eh immer nur ziemlich kurze Gesangspassagen in den langen Titeln hatten und das ausreichen würde. Auf Fred sind wir über eine schlichte Suchanzeige in Riebe's Fachblatt [Anmerk.: ein Musikermagazin] gekommen - Fred hat eine MC mit nur einem Titel geschickt und der war's!
RockTimes: Womit oder wodurch hat euch Freds Aufnahme so spontan überzeugt?
Hartwig: Ehrlich gesagt, habe ich der Band 'Bewerbungen' anderer Sänger etwas unterschlagen. Diese MC mit einem Titel (plus akustischer Gitarre) war einfach schön und sehr persönlich. Freds Stimmlage passte genau zu uns, und die Professionalität war schon auf dem Demo hörbar. Es war eines dieser 'Aha-Erlebnisse', die man nicht so oft im Leben hat.Und den anderen ging es ja genauso - die wussten innerhalb von Sekunden, dass Fred zumindest zum 'echten' Vorsingen zu uns nach Hamburg eingeladen werden muss.
RockTimes: Mit Fred kam ein (wie ich's damals empfand) Branduardi-Effekt zur Novalis'schen Interpretation des Prog Rocks. Eine neue Leichtigkeit und Verspieltheit, 'folkige' Elemente sowie erstmals Songs, die durchaus Hitparadenpotenzial hatten ("Irgendwo, irgendwann", "Vielleicht bin ich ein Clown"). Lag diese Kurskorrektur in der Person Fred Mühlböcks begründet oder waren gruppendynamische Veränderungsprozesse dafür verantwortlich?
Hartwig: Mit dem Einstieg von Fred haben sich für mein Gefühl sehr viele Dinge verändert - die meisten natürlich positiv. Obwohl Fred auch 'nur' aus einer halb-professionellen Band kam, war die gewisse Naivität und Leichtigkeit irgendwie dahin - wir wurden zu Profis, obwohl wir das vom Status her vor 1978 gar nicht waren. Die Entwicklung neuer Songs hatte sich grundsätzlich geändert, wir haben nicht mehr in stundenlangen Jam-Sessions gemeinsam Titel entwickelt. Die drei Songschreiber Fred, Lutz und Detlef haben zuhause Demos gemacht, die schon ziemlich endgültige Strukturen hatten und dann gemeinsam arrangiert wurden.
RockTimes: Was für einen Einfluss nahmen die Verantwortlichen der Plattenfirma Brain bei dieser Entwicklung? Die wollten ja ebenfalls Geld verdienen...
Hartwig: Erfreulicherweise gar keinen!! Und das hat nichts damit zu tun, dass ich bei Brain von 1974 bis 1978 der Labelchef war - reiner Zufall. Und, um es bei dieser Gelegenheit mal wieder loszuwerden: In Bezug auf Novalis habe ich mich sehr zurückgehalten und eher zu wenig als zu viel für die Band getan, um ja nicht mit entsprechenden Vorwürfen konfrontiert zu werden.
RockTimes: Siehste mal, das wusste ich gar nicht! Aber da muss ich mal nachhaken: Warum hat Novalis dann nach 1978, für "Flossenengel", das Label (Ahorn Records) gewechselt?
Hartwig: Da muss ich auch erstmal nachdenken - da sind wohl mehrere Sachen zusammengekommen. Das Ahorn-Label (Teldec) wurde von unserem Produzenten Achim Reichel und seinem Partner Frank Dostal (Ex-Rattles und -Wonderland) gegründet. Die beiden wussten natürlich ganz genau, wie gut unsere Zahlen waren und dass wir als Zugpferd für Ahorn (Das Motto war: »Die Marke für Rock in Deutsch«) ideal waren. Das Angebot war einfach zu verlockend, wir hatten neben den reinen Zahlen (Lizenzen, Vorschüsse etc.) u. a. einen hervorragenden Übungsraum mit installierter PA zur freien Verfügung - ich glaube nicht, dass es sowas weder davor noch danach je gegeben hat. Mit Metronome/Brain war die Band gar nicht unzufrieden, aber dort gab es personelle Umbesetzungen, die nicht so optimal waren. Und mit Achim hatten wir zu dem Zeitpunkt schon knappe fünf Jahre erfolgreich gearbeitet.
RockTimes: Spätestens mit "Vielleicht bist Du ein Clown" (1978) wurden auch die Strukturen griffiger und die Songs kompakter. War das eine direkte oder indirekte Reaktion auf den kreativen Niedergang des Prog- und Krautrocks, auf Punk und NWoBHM?
Hartwig: Nein, es war einfach ein gruppendynamischer Entwicklungsprozess ohne das Schielen auf andere. Wir waren schon damals überzeugt, dass wir uns lieber fortentwickeln wollten, als stehenzubleiben und hunderte neue "Sommerabende" zu kreieren. Das Risiko, dass evtl. nicht alle Fans da mitziehen, war uns immer klar. Heute kann ich ganz klar sagen, dass unsere Entwicklung völlig okay und natürlich war, ohne jeden Druck von außerhalb. Auch mit dem Wissen von heute, würde ich nur wenige Sachen anders machen!
RockTimes: Zur Sprache müssen aber auch die Kontroversen kommen, die ihr damals unter Musikfans und -kritikern ausgelöst habt. Mal abgesehen davon, dass es »any promotion is good promotion« heißt: Hat Dich das genervt? Wie war eure Reaktion darauf?
Hartwig: Was genervt hat, waren unfaire oder unsachliche Kritiken. Ich fand es immer absolut nervig, dass Kritiken von Leuten geschrieben wurden, die grundsätzlich diese Musikrichtung gehasst haben und entsprechende Tiraden losgelassen haben. Damals haben wir ein paar Mal auch Richtigstellungen verlangt bzw. 'böse' Briefe geschrieben - würde ich heute nie mehr machen!! Ein Beispiel dafür: Einer der 'Spezialisten' hat sich darüber mokiert, dass wir als Intro zu unseren Konzerten vom Band Ravels "Bolero" angespielt haben - das wäre doch die Titelmusik zum Softporno "Die Traumfrau" und das würde nun gar nicht gehen... Ich konnte dem Mann beweisen, dass dieser Film erst fünf Jahre später in die Kinos kam und und davon Mitte der 70er nichts zu ahnen war.
RockTimes: Wie albern... In diesem Sinn auch die nächste Frage: Von selbsterklärten Prog-Spezialisten wird im Netz viel Häme und Spott über euch ausgeschüttet. Gehst Du mit etwas zeitlichem Abstand und ein paar Jährchen Lebenserfahrung mehr auf dem Buckel damit entspannt um?
Hartwig: Absolut!! Heute weiß ich, dass einer der Faktoren für unseren Erfolg auch diese 'Verrisse' waren - das hat die Leute einfach neugierig gemacht. Aber es gibt ja auch viele Kritiken, die berechtigt sind und von Leuten geschrieben wurden bzw. werden, die sich wirklich intensiv mit der Band beschäftigt haben. Ich finde heutzutage viele der Kritiken völlig okay und berechtigt und kann damit gut leben - und darüber lachen!
Hartwig BiereichelRockTimes: Einen breiten Raum sollte in diesem Interview eurem Meisterwerk, Flossenengel aus dem Jahr 1979, gegeben werden. Wie ist die Idee zu diesem Konzeptalbum gereift?
Hartwig: Also, ich persönlich weiß nicht genau, ob das wirklich unser 'Meisterwerk' ist? Ich empfinde "Sommerabend" und "Konzerte" von der Intensität her auch als ziemlich stark. Die Idee zu einem Konzeptalbum hatten wir schon lange, und Mitte der 70er-Jahre begann es auch in Deutschland fühlbar zu brodeln. Wir haben ja die 68er-Generation schon bewusst erlebt, waren aber zu jung, um Teil der Bewegung zu sein. Das Nachdenken über den katastrophalen Umgang des Menschen mit der Natur und deren Ressourcen, die durch den Mensch hemmungslos abgebaut wurden, die Angst vor der Atomkraft und letztendlich auch die Bilder vom Abschlachten von Delfinen und Walen führte dazu, solche Gefühle und Gedanken in einem Konzeptalbumzu verarbeiten.
RockTimes: Habt ihr in der Band geschlossen zu der Umweltthematik und den politischen Kernaussagen gestanden oder gab es da kontroverse Diskussionen im Entstehungsprozess? Die Texte entstammen ja ausschließlich Freds Feder...
Hartwig: ...und wie wir diskutiert haben!! Von allen Texten, die wir jemals geschrieben haben, wurden diese heiß, aber sehr konstruktiv diskutiert. Fred hatte - zum Glück - nicht nur eine eigenwillige Art zu singen, sondern auch seine Art, Texte zu schreiben, war manchmal etwas zu kantig und nur schwer verständlich. Aber da wir alle Feuer gefangen hatten, kamen gute Vorschläge, die die Texte etwas griffiger und konkreter gemacht haben. Die Thematik selbst haben wir intern nie diskutiert.... Mindestens drei von uns waren zu dem Zeitpunkt schon längere Zeit Mitglieder bei Greenpeace.
RockTimes: Habt ihr auch entsprechende Aktionen für Greenpeace, die Grünen Listen oder Umweltgruppen gemacht?
Hartwig: Klar, für den WWF (World Wildlife Foundation For Nature) haben wir auf der Tour 1,00 DM pro Eintrittskarte 'abgezweigt' - ca. 20.000 Mark sind dabei rausgekommen. Und bei Greenpeace haben wir bei diversen Aktionen mitgemacht, z. B. bei LP-Samplern unter deren 'Flagge' und dem Verzicht auf Lizenzen. Und das haben wir alle aus voller Überzeugung gemacht ! Und ich gehe auch davon aus, dass wir alle 'grün' gewählt haben...
RockTimes: War "Flossenengel" aus der Retrospektive betrachtet nicht sogar ein 'Eigentor' - ähnlich Floyds The Wall? Ein solches Monument ist doch eigentlich nicht mehr zu toppen, oder?
Hartwig: Ich glaube nicht, dass Musiker sowas im Kopf haben, wenn etwas im Entstehen ist... Und - wie schon gesagt - für uns war das ja zu dem Zeitpunkt kein klar erkennbares 'Monument'. Dazu kam auch, dass beim Komponieren von "Flossenengel" und der Abkehr von monumentalen, langen Titeln hin zu 'radiokompatiblen' Songs, eine gewisse Unsicherheit über den Erfolg bestand.
RockTimes: Die "Flossenengel"-Tour war ebenfalls das Größte, was ihr bis dato auf die Straße gebracht habt. Hat sich der Aufwand denn gerechnet oder (Scherzfrage) habt ihr danach bei eurer Hausbank Hausverbot erhalten?
Hartwig: Auf bestmögliches und vor allen Dingen eigenes Ton- und Lichtequipment haben wir schon immer größten Wert gelegt! Für die Konzerte zu dieser Tour haben wir eigentlich gar nicht so viel angeschafft - so weit ich mich erinnern kann. Die einzigen beiden Dinge, die ganz wichtig für die "Flossenengel"-Tour waren, sind ein 16mm-Farbfilm mit 'singenden' Walen und ein von Greenpeace geliehener, ca. 15m langer, aufblasbarer Wal gewesen. Der hing an der Lichttraverse über der Bühne. Ich glaube, dass das ein unvergesslicher Anblick war...
RockTimes: Also war's auch finanziell okay? Ich meine nur, weil zur damaligen Zeit so manche deutsche Band mit den aufwändigen Touren ein Desaster (TSS u. a.) erlebt hat...
Hartwig: Ja, durch unsere völlig eigene Technik inkl. eigenem LKW waren die Kosten eben ziemlich gering, der einzige Kostenfaktor waren die fünf Roadies sowie zwei PKWs. Das rechnet sich natürlich völlig anderes als bei einer Band wie bspw. TSS, die wirklich alles mieten mussten. Das war und ist teuer... Und mit unserer durchschnittlichen Besucherzahl von etwa 1.200 Leuten konnte man sehr gut kalkulieren.
RockTimes: Eine völlig eigennützige Frage: Gibt es brauchbare Live-Aufnahmen zu "Flossenengel" und wenn ja, ist eine Veröffentlichung à la Letztes Konzert geplant? Vielleicht sogar auf DVD?
Hartwig: Leider nein... Ich habe nur auf YouTube mal einen privaten (?) Konzertmitschnitt von "Atlanto" gesehen - mit dem Wal-Film.
RockTimes: Der Nachfolger "Augenblicke" war nun wirklich alles andere als schlecht, hatte aber gegen "Flossenengel" nicht den Hauch einer Chance. Welchen Stellenwert gibst Du der Scheibe im Nachhinein? 'Unterschätzte Perle' oder 'Absteigender Ast'?
Hartwig: Der Unterschied ist der, dass "Augenblicke" vielleicht nicht so spektakulär wie "Flossenengel" war, weil wir uns wieder zu etwas persönlicheren, intimeren Titeln entschlossen hatten. Ich habe die Instrumentals von Lutz immer sehr gemocht und mit "Danmark" und "Mit den Zugvögeln" sind zwei absolute Hammerwerke auf dieser Scheibe... [Anmerk.:Stimmt!!]
Hartwig Biereichel RockTimes: Über den Rest eurer Diskographie würde ich gerne den gnädigen Mantel des Schweigens decken. Der gewandelte Zeitgeist hatte euch - wie eigentlich alle Deutschrocker alter Schule - schwer gebeutelt. Was war Schuld an dem Niedergang der gesamten Szene - an eurem kreativen Tief? NDW? Der Erfolgsdruck der Plattenfirmen? Die 'Neue Deutsche Oberflächlichkeit'?
Hartwig: Den 'Mantel des Schweigens' generell finde ich doch etwas übertrieben!! Das auf den nachfolgenden Scheiben viele schlechte Titel waren, steht außer Zweifel. Aber es gibt doch auf diesen LPs immer wieder Perlen, jedenfalls habe ich es damals so empfunden. Und es war auch keineswegs so, dass wir uns schlecht oder frustriert gefühlt haben. Der einzige echte Tiefpunkt, an den ich mich persönlich erinnern kann, war der Zwang zur Veröffentlichung der LP "Bumerang", die ich heute auch als schlicht 'schlecht' empfinde. Wir hatten einen Rechtsstreit mit Achim Reichel, den wir verloren haben und deshalb nach unserem Weggang vom Ahorn-Label zu Phonogram noch dieses Album an Reichel 'nachliefern' mussten.
Außerdem mal was Grundsätzliches: Egal, welchen Werdegang einer Band man auch betrachtet, gibt es im Laufe einer Karriere immer Tiefpunkte. Der Mensch ist eben so konstruiert, dass seine Begeisterungsfähigkeit für etwas 'Neues' bei der ersten Begegnung riesig ist und im Laufe der Jahre eine gewisse Gewöhnung und eine zunehmende Neigung zum Nörgeln entsteht... Insofern hat niemand 'Schuld' - im Gegenteil, es ist normal, dass nach mehr als zehn Jahren sich ein Zeitgeist und entsprechender Musikgeschmack grundsätzlich wandelt. Das muss er auch, sonst wird das Ganze doch langweilig, oder? Dass nun mit dem meisten der NDW-Songs absoluter 'Müll' überdimensional erfolgreich wurde, hat uns natürlich nicht gerade erfreut. Und die NDW passte ja perfekt zur 'Neuen Deutschen Oberflächlichkeit'!! Druck von außen gab es jedenfalls für uns nie.
RockTimes: Okay, der 'Mantel des Schweigens' war etwas hart und den nehme ich gerne zurück. Aber ist es nicht so, dass von "Neumond" oder "Sterntaucher" heute keiner mehr spricht? Wenn die Rede auf euch kommt, ist doch stets von "Novalis", "Sommerabend" oder "Brandung" die Rede...
Hartwig: Du brauchst nichts zurücknehmen - das ist okay und ich weiß, was Du meinst. Ich selber gehöre auch zu denen, die die etwas naivere, unbekümmerte Phase bis ca. 1978 als die beste und kreativste empfinden. Aber dieses Phänomen findest du bei allen Bands in diesem Genre, denk mal über die 'Großen' nach: Pink Floyd, Genesis usw... Es gibt kaum ein Beispiel einer Band, die mehr als zehn Alben gemacht hat und z.B. erst nach dem sechsten Album bekannt wurde. Alle reden immer nur über die Zeit: »Da waren 'die' noch richtig geil, jetzt sind sie nur noch auf Kohle aus...« Falsch, falsch, falsch! Ich glaube eben nicht, dass "Neumond" oder "Sterntaucher" schlecht waren - wir haben eben nur etwas Neues versucht, was den 'alten' Fans ganz offensichtlich nicht gefiel und 'neue' kamen nicht sehr viele hinzu. Ich finde trotzdem, dass man immer neue Wege gehen muss, auch bei Erfolglosigkeit. Was die Besserwisser und die erwähnten 'Prog Rock-Experten' dazu meinen, ist mir echt 'wurscht'. So problematisch damals der rapide Niedergang auch für uns persönlich war, musikalisch haben wir das nie in Frage gestellt und standen dazu. Trotzdem haben wir in den 80ern immer noch die alten 'Hits' live gespielt, und zwar richtig gerne!!
RockTimes: Was gab letztendlich den Ausschlag zu eurer Trennung im Jahr 1985? Der Titel eures letzten Albums aus diesem Jahr, "Nach uns die Flut" und der erste Song daraus, "Die Show ist aus", sprechen ja Bände...
Hartwig: Die Situation war eigentlich klar: Die LPs bei Phonogram waren nicht erfolgreich, Sänger Fred Mühlböck hatte private Probleme und wollte unbedingt nach Österreich zurück - und insgesamt hatten wir eigentlich keine Lust mehr, mit "Fred vom Jupiter" zu konkurrieren. Eigentlich sollte es nur eine längere, kreative Pause werden, aber da Gitarrero Detlef Job nach Japan gezogen war und dort geheiratet hatte, sind wir danach irgendwie nicht mehr richtig zusammengekommen...
RockTimes: Du hattest in einem Vorgespräch schon angedeutet, dass es keine Reunion geben wird. Warum?
Hartwig: Gute Frage, und darauf gibt es Dutzende von Antworten... Witzig ist es aber trotzdem, weil ich darauf gerade in den letzten Jahren wirklich ziemlich häufig angesprochen wurde, was mich ja auch stolz macht. Aber was versprechen sich die Leute eigentlich davon?? Gerade bei so einer emotionalen Band wie Novalis müsste es doch eigentlich klar sein, dass das '1975er-Feeling' unwiederbringlich ist - nichts ist mehr so, wie es mal war. Ich bin überzeugt, dass es schon aus diesem einzigen Grund scheitern würde: Wir müssten ja unsere eigenen Gefühle von vor fast vierzig Jahren und deren Ausdruck in einen überzeugenden Live-Auftritt mühsam 'einüben' - das geht schon mal gar nicht. Ohne Fred Mühlböck ist es auch unmöglich und der hat sich schon vor zwanzig Jahren definitiv für ein völlig anderes Leben entschieden.
Außerdem sind wir jetzt alle um die Sechzig - ich fände es peinlich, wenn man in so einem Alter nach fast dreißig Jahren Abstinenz wieder die Rock-Bühne entern würde... Ich habe mir vor ein paar Monaten mal aus Neugier Jane (eine der drei Formationen) in Hamburg angesehen - das war derart grauenvoll und gestrig, dass ich nach dem dritten Titel abgehauen bin und mir geschworen habe: Niemals wieder!
Trotzdem habe ich für Novalis 'mein letztes Hemd' gegeben - und würde es auch immer wieder tun. Wenn ich zappelig werde, höre ich mir die "Konzerte"-Remix-CD von 2008 an, das reicht mir völlig.
RockTimes: Lutz Rahn ist ja nach wie vor in seinem Tonstudio aktiv und bringt demnächst ein Soloalbum heraus. Was machst Du eigentlich? Was machen Heino, Detlef und Fred heute?
Hartwig: Heino Schünzel hat den elterlichen Betrieb seines Vaters übernommen, Detlef Job ist IT-Spezialist geworden und lebt mittlerweile auch wieder in Hamburg, Fred Mühlböck hat sein familiäres Glück in Österreich gefunden und ist inzwischen u. a. Hotelier. Ich bin seit zwanzig Jahren beim NDR und verfolge als gelegentlicher DJ absolut interessiert die aktuelle und die alte Musikszene.
RockTimes: Ich bedanke mich im Namen von RockTimes für diese offenen Antworten. Vielleicht sieht man sich ja doch einmal bei einem Reunion-Konzert...
Hartwig: Hat echt Spass gemacht - aber wie gesagt: Never!!
RockTimes: Man kanns ja mal versuchen... ;-)
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