Du bist Deutschland!!
Rocktimes Interview Redline stehen dazu, in deutscher Sprache zu singen, denn sie möchten, dass auch die Oma ihre Texte versteht. Darüber und über viele andere interessante Themen sprachen wir mit Ricq.



Interview vom 13.12.2007


Ilka Heiser
Redline haben mit "Pure Liebe" ein sehr ehrliches Album abgeliefert, das nicht nur anständig rockt, sondern auch in deutscher Sprache gesungen wird. Auch wenn es immer mehr Bands gibt, die sich auf ihre Muttersprache besinnen, ist das dennoch nicht alltäglich in diesem Genre. Deshalb wollte ich mich gern mit den Münchenern über deren Beweggründe unterhalten.
RockTimes: München bringt man ja nicht unbedingt mit Rockbands, sondern eher mit Weißwurscht-Gemütlichkeit, strammen Burschen in Lederhosen, feschen Mädels im Dirndl und der dazu passenden 'Humtata-Musik' in Verbindung. Und nun kommt ihr und mischt die Szene mit ehrlicher Rockmusik und hintergründigen bis provokativen Texten auf.
Was hat Euch dazu bewogen, eine Band zu gründen und Abseits der Schunkelpfade Musik zu machen?
Ricq: Musik zu machen ist nicht nur eine Leidenschaft sondern auch eine Aufgabe, die man ernst nehmen muss. Musik kann teilweise auch falsch verstanden werden, deshalb versuchen wir alle, es so authentisch und ehrlich wie möglich zu machen.
RockTimes: Ich mag gut gemachte, deutsche Texte, was durch meinen Background (in Ostdeutschland mit 'Ostrock' aufgewachsen) begründet ist.
Was bewog Euch eigentlich dazu, deutsch zu singen?
Ricq: Du bist Deutschland!! (Lacht) Ja, wir leben in Deutschland, ich denke in Deutsch, ich kommuniziere in Deutsch und ich träume in Deutsch. Da liegt es doch sehr nah, auch in der eigenen Sprache Musik zu machen. Ich will, dass mich die Leute um mich herum verstehen und zwar jedes Wort. Meine Oma soll mich auch verstehen, die kann nämlich kein Englisch oder andere Sprachen (lacht). Zudem lese ich meine Zeitung ja auch nicht in Japanisch, also was soll das. Mehr Mut zur eigenen Sprache, wir haben eine sehr poetische, schöne, markante und interessante Sprache.
(»Wo er recht hat, hat er recht - die Redaktion«).
RockTimes: Allgemein hört man meistens folgende Meinung, die ich in meinem Review auch angesprochen habe: Was soll der Text, auf den Sound kommt es an, das muss schnackeln und ins Ohr gehen. Seid ihr der gleichen Meinung?
Ricq: Der Text bzw. der Gesang sind meiner Meinung nach das i-Tüpfelchen eines Songs. Ich finde die Lyriks unglaublich wichtig. Sie geben dem Song den Charakter. Wenn die Musik nicht zum Text passt, merkt man das. Angenommen, die Musik ist ziemlich hart, aber der Text sehr weich, ist das zunächst sehr komisch, kann aber auch wieder sehr cool sein. Ein Text kann hunderte von Facetten haben, man kann einen Text auf hundert verschiedene Arten interpretieren. Reine Musik dagegen ist nicht so ambivalent.
RockTimes: Schreibt Ihr eure Texte selber und woher greift ihr die Themen auf? Alltagserlebnisse? Eigene Erlebnisse?
Ricq: Die Ideen zu den meisten Texten entstammen ganz banalen Situationen. Die Themen der Songs haben nicht immer Bezug auf mein Leben, teilweise gar nicht. Aber da ich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch mehrere Gesichter und Seiten hat, schlummern natürlich auch in mir Gedanken, die ich aufs Papier bringe. Sonst würde ich solche Texte ja nicht verfassen. Es sind meistens bildhafte Bruchteile, die mir einfallen und um die ich dann ein Gerüst baue.
RockTimes: Nehmt Ihr Euch eigentlich auch gern mal selbst 'auf die Schippe', wie in dem Stück "Spiegelbild"?
Ricq: Lustigerweise habe ich bei dem Song nie an einen narzisstischen Menschen gedacht. Das interpretieren aber 95 % der Journalisten/Zuhörer. Es geht in "Spiegelbild" um die Verzweiflung einer Person, die von der ganzen Welt verlassen wurde, wahrscheinlich zu Recht, und nur noch sich selber hat. Klar verfällt diese Person dann in den Wahn, dass sie sich nur selber braucht und sich selber über alles liebt. Also an sich kommt es ja dann doch wieder auf das Gleiche raus, quasi auf den Narzissmus.
RockTimes: Grundthema ist ja meistens die große Liebe, die zerbrochene Liebe, die unglückliche Liebe usw. - wird das nicht irgendwann zu banal?
Ricq: Auch da muss ich erwähnen, dass ich bei meinen Texten, bis auf sehr wenige Songs nicht an 'Liebe' gedacht habe. Man könnte jetzt sagen, dann aber Liebe in allen Variationen. Aber was ist Liebe für uns Menschen? Für den Einen ist es, seinen Hund voller Leidenschaft morgens Gassi zu führen, für den Anderen ist es, wenn er von einem Fremden ein Lächeln zugeworfen bekommt, für einen Weiteren ist es wiederum die Hingabe zu seiner X-Box. Ich denke das ist sehr zwiespältige und absolute Ansichtsache. Liebe lässt sich ja nicht immer nur auf einen Menschen beziehen. Jeder meiner Texte steht für sich allein, es gibt keine Verbindung untereinander. In "Porzellan", "Unsterblich", "Magnet" oder "Freier Fall" geht es nicht im Weitesten um Liebe. In "Meine Droge" nur bedingt, wenn dann eine Art von Liebe. Bei "Pure Liebe" denken viele an die Hassliebe, aber wer weiß schon, was ich mir dabei gedacht habe? Also, das Wort Liebe ist sehr vielfältig und sehr undurchsichtig. Jetzt werden viele Frauen enttäuscht sein, aber selbst in "Silberträne" geht es nicht um eine verlorene Liebe und schon gar nicht um eine Frau. Wie schon gesagt das ist alles Interpretation, aber ich habe "Silberträne" unter ganz anderen Umständen geschrieben und ich habe mir dabei was ganz anderes gedacht. So wie er jetzt ist, denken die meisten natürlich an die verlorene Liebe.
RockTimes: "Mach den Mund auf" ist, nun sagen wir mal - ganz schön hart an der Grenze oder verstehe ich da was falsch? Gewollt?
Ricq: Bei "Mach den Mund auf" haben wir eine ziemlich rohe und kontroverse Geschichte, die aber sehr metapherhaft und rosig verpackt ist. Das ist einer der wenigen Ausnahmen, die so wie man sie versteht auch gedacht war/ist. Mal ganz im Ernst, jeder Mann tut es, jeder Mann will es und viele Frauen auch. Auch wenn es die Meisten nicht zugeben. Also was soll das Theater? So ist das Leben. Eigentlich ist es doch die schönste Sache der Welt.
RockTimes: Seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis Eures Debüts "Pure Liebe" - ist es so geworden, wie ihr es Euch vorgestellt habt oder würdet ihr im Nachhinein etwas anders machen, wenn ihr könntet?
Ricq: "Pure Liebe" ist aus unserer Sicht ein Hammer-Album geworden, das die Band im Jahr 2007 perfekt in Szene setzt. Aber natürlich haben wir durch die Produktion auch verdammt viel gelernt und die Erfahrungen im Studio und die Reaktionen auf die CD wirken sich logischerweise auch auf unser Songwriting und die zukünftige Weiterentwicklung der Band aus. Wir sind sicherlich 'erwachsener' geworden.
RockTimes: Mit wem würdet ihr gerne mal gemeinsam auf Tour gehen oder auf der Bühne stehen?
Ricq: Es gibt von Seiten des Tourmanagers von Joachim Witt Interesse, wenn das klappen würde, wären wir glaube ich alle total aus dem Häuschen. Also Witt wäre für mich persönlich eine große Ehre. Aber auch Rammstein oder OOMPH! wären hammergeil. Ich höre eher die düsteren harten deutschen Bands.
RockTimes: Bei dem bereits genannten "Spiegelbild" hatte ich Euren Sound mit The Cure verglichen. Wen würdet ihr als Eure Vorbilder nennen und gibt es die überhaupt?
Ricq: Wir kommen alle aus komplett verschiedenen Ecken, wobei wir alle die Rockmusik lieben. Jeder hat für sich seine Vorbilder und Lieblingsband bzw. Genre. Bei mir ist es Gothic-Metal-Industrial-Rock, hauptsächlich in Deutsch. Bei Andy steht Van Halen hoch im Kurs, bei Carry ist es Metallica und Co. FaB steht z.B. voll auf Europe (zu hören im Refrain von "Pure Liebe" ;-) und Smuf hält es eher mit Punk. Ich denke, dass man diese verschiedenen Vorlieben auch in der Musik raushören kann.
RockTimes: Eure Musik ist schlecht in eine 'Schublade' zu stecken. Wo würdet Ihr Euch selber einordnen wollen?
Ricq: Ich hab einmal gesagt: »Wenn ein Teufelchen mit einem Engelchen poppt, kommt Redline-Der rote Faden dabei raus«. Wir bedienen mehrere verschiedene Klientel und es ergibt sich so ein ultimativer einzigartiger Mix. Ganz vereinfacht spielen wir kraftvollen, harten Deutschrock aber wir mixen dies mit neuen Elementen. Redline steht für den roten Faden, der sich trotz der sehr unterschiedlichen musikalischen Herkünfte, durch die Songs zieht. Dabei sind wir weder eine Gothic- noch eine Metalband. Auch nicht eine Deutschrockfraktion im herkömmlichen Stil. Eben nicht das heutzutage typische Deutschrock-Bild à la Silbermond, Revolverheld und Juli. Es ist also schwer zu sagen, aber ich denke harter, kraftvoller Deutschrock trifft es ganz gut.
RockTimes: Ebenfalls in meiner Rezi angeprangert hatte ich den im Alltag immer mehr um sich greifenden Anglizismus. Wie steht ihr ganz allgemein dazu?
Ricq: Wie schon vorhin angesprochen: Mehr Mut zur eigenen Sprache!!
RockTimes: Um im Rockolymp irgendwann mal ganz oben zu stehen, heißt es ackern und touren. Wie seht ihr selbst Eure Zukunft?
Ricq: Ich vertraue da ganz auf das Universum, auch wenn es sich esoterisch anhören mag. Ich lass es auf mich zukommen, aber glaube fest an einen Erfolg. Erfolg kann sehr unterschiedlich aussehen. Abwarten und Tee trinken, aber trotzdem dabei ackern.
RockTimes: Wenn ihr drei Wünsche frei hättet, was würdet Ihr Euch wünschen?
Ricq: Ich denke, wir alle wollen einfach nur unser ganzes Leben Musik machen können. Und wenn es mit redLine klappt, dann umso besser ;-)
Wir danken Oliver von Artist WorXX, der uns das Gespräch mit Ricq ermöglicht hat.
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