Knappe fünf lohnenswerte Jahre haben sich Syzygy Zeit gelassen, um den Nachfolger von The Allegory Of Light zu veröffentlichen. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt - man kann es "Realms Of Eternity" förmlich anhören, wie viel Detailarbeit da drin steckt. 77 Minuten voller Herzblut und Musikerseele für Liebhaber des zeitlosen Prog Rocks, stark verwurzelt im klassischen Symphonic Rock der 70er, und das ganz und gar unverstaubt.
Nachdem die vier seit Jahrzehnten eng befreundeten Musiker bislang die Gesangsaufträge - sofern vorhanden - unternehmensintern vergeben hatten, haben sie sich für dieses Album Verstärkung von extern genommen. Mit Mark Boals haben Syzygy sogar einen sehr prominenten Fang gemacht, gilt der doch als einer der profiliertesten Session-Musiker im Hard Rock-Bereich. Seine Prominenz von Aufnahmen mit Yngwie Malmsteen, Ring Of Fire, Uli Jon Roth, Ted Nugent und und und... dürfte viele dazu bewegen, dem Longplayer der ansonsten eher in Szene-Kreisen bekannten Syzygy ein Ohr zu leihen.
Von der ersten Sekunde an beeindrucken Syzygy mit verhältnismäßig beachtlich kurzweiligen komplexen Kompositionen. Zehnminüter und Viertelstünder geleiten den Hörer Takt für Takt durch ein raffiniertes Geflecht aus lieblich-lyrischen, märchenhaft naturverbundenen Akustiklandschaften, verzwickten und verzwirbelten Instrumental-Kabinettstückchen zum Stillstehen und Staunen und optimistisch-hymnischen Hard Rock-Passagen zum Mitsingen und Krafttanken. Man verliert sich nie im Hundertsten und Tausendsten, sondern achtet auf attraktive Spannungsbögen. So ein Stück wie "Echoes Remain" - idyllisch aus Flöte, Akustikgitarre, Cello und zur Abwechslung dem Gesang von Carl Baldassarre bestehend - bleibt das, was es sein soll: ein idyllisches Zwischenspiel.
Wie wunderhaft zusammengewachsen wirken die in Tempo, Rhythmik und Laune so diversen Stücke; da gibt es kaum einen Sinn, sie bis ins Kleinste zu zerpflücken und zu analysieren. Das obliegt jedem Musik liebenden Menschen selbst. Gewisse Anfangsneigungen sollte er aber mitbringen. Eine Liebe zu klassischen Acts wäre nicht verkehrt, Yes ("Dialectic" bietet Howe-Gitarren en masse), Jethro Tull oder Genesis zum Beispiel, die nicht nur mit ihrer Musik der Spätsechziger und der 70er Pate stehen, sondern im Instrumentalstück "Vanitas" auch mit Keyboard-beladenem Bombast der 80er. Besonders in härter rockenden Momenten klingen Syzygy aber auch recht amerikanisch - 'urtümlich amerikanisch', könnte man fast sagen, erinnern doch die epischen, Streicher- und Flöten-beschmückten Longtracks mit Hard Rock-Bombast auch an die symphonischen Proto-Kaw.
Auch die Anhänger 'jüngerer' Gruppen aus späteren Prog Rock-Generationen kommen voll auf ihre Kosten. Tracks wie das spannungsgeladene "Darkfield" oder "Dialectic" mit seinem Barock-angehauchten, majestätisch-leichtfüßigen Thema in vielen Variationen erinnern dank der Zusammensetzung ihrer musikalischen Elemente (Orgel-gestützte Hard Rock-Drives mit Klavier-Breaks, Kanon-Ansätze im Gesang, frickelige Instrumentalpassagen und vor allem viele, viele Wechel) streckenweise an Gruppen wie Spock's Beard oder die Flower Kings - beim überraschend eingängigen, extrovertiert feierlaunigen Chorus von "Dreams" fühle ich mich an Presto Ballet, der Retro-Gruppe von Metal Church-Mastermind Kurdt Vanderhoof erinnert.
Nach einigen eigenständigen Meisterwerken folgt das zusammengehörende "The Sea", das aus insgesamt acht Teilen besteht. Dabei geleiten Syzygy den Hörer zunächst mit atmosphärischen, Legg'schen Akustik-Klängen auf die "Arranmore Isle", eine Art Präludium, bevor die "Ouverture" den energischen Startschuss zu einem sperrigen, emotionalen Longtrack gibt, bei dem Neal Morse-Fans stellenweise das Herz aufgehen sollte. Aber auch Gedanken an Galleons Meisterwerk "The Ocean" kommen zu Tage - nicht nur wegen der Ähnlichkeit des Namens. Es ist auch der Wechsel zwischen spannungsgeladener Dynamik ("The Sea", "Variations, Part 1/2") und balladenhaften Abschnitten ("The Morning Song", "Reflections"), die ihren musikalischen Reiz geduldig verbreiten, ohne aber die selbe Geduld beim Hörer zu missbrauchen.
Auch was die Lyrics betrifft, beeindruckt das zusammengenommen knapp halbstündige "The Sea" mit wunderschönen Details und Tiefgang, drückt mit Bildern und Metaphern die Sehnsucht nach einer geliebten Person im Jenseits aus - und die Zuversicht, ihr wieder näher zu kommen. 'Todessehnsucht', könnte man das nennen; das klingt aber trauriger als es die Worte tatsächlich ausdrücken:
»I wonder if the tale is true
Cross the Sea where I'll find you
Smiles a-waiting on the shore
Loved ones joyful evermore«
Das Artwork der CD unterstreicht die Gedanken, die Ausdruck in der Musik finden. Das Cover, der Rest eines abgestorbenen Baumes am Meeresstrand - das ist nur die Vorderseite. Wer erforschen will, welche Bilder dahinterstecken, seien es musikalische, gedichtete oder gemalte - der sollte sich unbedingt "Realms Of Eternity" zulegen und Syzygys 'Reich der Ewigkeit' erkunden. Es lohnt sich!
Line-up:
Carl Baldassarre (guitar, Theremin, lead and backing vocals)
Sam Giunta (keyboard)
Paul Mihacevich (percussion, drums, backing vocals)
Al Rolik (bass guitar, backing vocals)
Mark Boals (lead vocals)
| Tracklist |
01:Darkfield (10:35)
02:Vanitas (6:02)
03:Dreams (10:31)
04:Echoes Remain (5:23)
05:Dialectic (16:35)
The Sea
06:Arranmore Isle (2:04)
07:Overture (2:42)
08:The Sea (5:22)
09:The Morning Song (3:26)
10:Variations, Part 1 (4:04)
11:Variations, Part 2 (3:15)
12:Reflections (1:44)
13:Finale (5:27)
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