Tankard, Abandoned
Durst ist schlimmer als Heimweh-Tour
25.12.2008, Batschkapp, Frankfurt
Durst ist schlimmer als Heimweh-Tour Tankard, Abandoned
Durst ist schlimmer als Heimweh-Tour
Batschkapp, Frankfurt
25. Dezember 2008
Konzertbericht
Stil: Thrash Metal

Artikel vom 30.12.2008


Andrea Groh
Die Frankfurter Bier-Thrasher Tankard (wieso benennen sich Frankfurter eigentlich nach einem Bierkrug und nicht nach Äppelwoi?) feierten 2007 ihr 25-jähriges Bestehen. In all diesen Jahren gelang es ihnen zwar nicht, an die (kommerzielle) Spitze der deutschen Bands vorzustoßen, doch sie verschwanden nie von der Bildfläche und wurden sich nie untreu.
Auch die aktuelle, am 19.12.2008 erschienene CD "Thirst" bietet, wie gehabt, leicht poltrigen Thrash, dem der Spaß-Faktor wichtiger ist als technische Feinheiten. Sänger und Aushängeschild Gerre hat momentan einen Popularitätsschub, seitdem er zusammen mit Sodoms Bobby auf einer RockHard-DVD dumme Sprüche von sich gegeben hat. Die Leserschaft war begeistert und forderte Wiederholung, die beiden genießen mittlerweile eine Art Kultstatus. Da Thrash Metal wieder angesagter ist, befinden sich auch Tankard im Aufwind.
Zur Präsentation der neuen CD "Thirst" gab es eine kleine, aber feine Tour zusammen mit den ebenfalls aus Hessen (allerdings Darmstadt) stammenden Thrashern von Abandoned, die auch als Alternative zu familiär-besinnlichen Weihnachtsfeiern gedacht war, für alle Singles und von der Familie genervten, die lieber Thrash statt Weihnachtslieder hören wollten. Beide Bands zeigten sich darüber erstaunt, wie viele Besucher diesem Ruf folgten und sich am 25.12. in der Batschkapp einfanden. Wozu sicher auch die sehr günstigen Eintrittspreise von 11-14 Euro, je nach Verkaufsstelle, beigetragen haben. Die Merchandise-Preise waren ebenfalls anständig, T-Shirt 15 Euro, Kapuzenpulli für 28 Euro und so weiter. In der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit und daher eine angenehme Überraschung. Die Batschkapp öffnete um 20 Uhr ihre Pforten und die Besucher strömten ins Warme; schließlich war die Halle gut besucht, aber nicht überfüllt. Auch hiermit hob sich das Konzert positiv von allen anderen ab, die ich dieses Jahr erlebt habe und die nicht lokaler Untergrund waren.
Um 21 Uhr legten Abandoned los - nach ein paar Slayer-Rufen des Publikums, was eine Art Running-Gag bei Thrash-Konzerten darstellt, hier aber durchaus passend ist, denn stellenweise war ich mir einige Sekunden lang nicht sicher, ob da eine Coverversion oder ein eigener Song gespielt wird ("Too Blind To See"). Als ein weiterer großer Einfluss sind wohl Testament zu nennen. Abandoned spielen also amerikanisch beeinflussten Thrash mit recht gutem Songwriting und Spieltechnik. Ihr Erfolg und die Bekanntheit hinkt ihrem Können allerdings hinterher, sie sind eher eine lokale Größe im Rhein-Main-Gebiet, aber dort liegt Frankfurt ja bekanntlich.
Immerhin verstehen hier die Anwesenden das breite hessisch von Sänger Kalli, der sich über das zahlreiche Erscheinen trotz Familienfeiertag sichtlich freute. Niemand im Publikum dürfte die Entscheidung herzukommen bereut haben, das Programm war abwechslungsreich und gut gespielt (mein persönlicher Favorit ist "Sands Of Time"), es gab nichts zu meckern. Wer Abandoned bisher nicht kannte, hatte die Möglichkeit, sich mit ihren beiden CDs Thrash You und Thrash Notes zu fairen Preise einzudecken und die Musik dann zuhause weiter zu genießen. Denn nach 50 Minuten war leider schon Schluss, wobei die Spielzeit für eine Vorband angemessen war und auch der Sound war gut.
Nach einer kurzen Umbaupause (neuer Backdrop, Barschild und weihnachtliche Lichterdeko) ging es um 22.15 Uhr mit Tankard weiter. Deren Songs sind simpler und rumpeliger, aber sie können auf einige Jahre und einige Tonträger mehr zurückblicken. Die Songliste liest sich wie ein Best-of aus der ganzen Zeit, ob "Morning After", "Alien", "Space Beer", "Beermuda", "Chemical Invasion", "666 Packs" oder "Stay Thirsty" und "Octane Warriors" von der aktuellen CD - alles wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.
Es waren viele Altmetaller hier, deren 'Kutten' noch die 80er miterlebt haben, aber auch Thrasher-Nachwuchs, den Gerre dann gerne mal aufzog (»als die Platte herauskam, warst du noch flüssig«). Der Frontmann spielte wieder einmal den Bandclown und hüpfte wie aufgezogen herum, obwohl er aus gesundheitlichen Gründen nüchtern bleiben musste - nach eigenen Angaben ist ihm beim Sex die Kniescheibe herausgerutscht - was natürlich auch am nicht geringen Leibumfang liegen mag, seinen mächtigen Bauch präsentierte er mehrfach.
Tankard live bedeutet Spaß und Stimmung, die Band gehört nicht zu den Thrashern, die möglichst anspruchsvoll spielen wollen, sondern haben lieber ein Party-Image ähnlich Fun Punk-Bands, auch wenn sie durchaus zwischendurch ernste Songs mit nachdenklichen Texten einstreuen. Statt bierernst Musik zu machen trinkt man hier lieber ernsthaft viel Bier. ☺
Die Stimmung im Publikum war klasse, die Batschkapp stellt für die Eintracht-Fans Tankard ja ein Heimspiel dar. Laut Aussage von Gerre wurde das Ganze für eine Live-CD mitgeschnitten. Schade, dass man darauf die Stagediver nicht sehen wird, die immer wieder auf der Bühne auftauchten und vom Roadie oder Gerre dann wieder einen sanften Schubs zum Verlassen bekamen, wobei die Stagediverinnen länger bleiben durften oder sogar mit Gerre tanzen mussten. Besonders dreist war einer, der dann noch einen Schluck aus einer bandeigenen Bierflasche nahm - was ihm aber nicht wirklich krumm genommen wurde. Schließlich heißt es ja "Freibier für alle - sonst gibt's Krawalle". Dieser Song kam im Zugabenteil vor dem üblichen Abschluss "(Empty) Tankard", dem Bandhit schlechthin.
Mittlerweile war Mitternacht und die Band verabschiedete sich nach einem gelungenen und unterhaltsamen Abend mit der Melodie von "Derrick", den Fan Gerre als Gedenken an den kürzlich (13.12.2008) verstorbenen Horst Tappert ausgewählt hatte.
Möge der 'Tankard' noch lange nicht leer werden!
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