Redemption sind für mich neben Circus Maximus d-i-e Prog Metal-Newcomer des Jahrzehnts. Besonders, nachdem die Neuschöpfung von Bandkopf Nick van Dyk nach dem Debüt von 2002 ganz schnell von einem All-Star-Projekt zur festen Band gereift ist. Die folgenden Scheiben "The Fullness Of Time" (2005) und The Origins Of Ruin (2007) sind für mich als großer Fates Warning-Anhänger absolute Insel-Platten. Und das nicht nur, weil Ray Alder und Fates-Tourgitarrist Bernie Versailles zur Band gehören, sondern auch, weil musikalisch vieles an den letzten Werken von Jim Matheos ansetzt.
Nicht gar so überschwänglich fällt mein Urteil zu diesem ersten Live-Output der Band, aufgenommen beim ProgPower USA in Atlanta im Oktober 2007, aus. Redemption liefern mir zwar keinen Anlass zu einem Verriss - diverse Schönheitsfehler lassen sich aber nicht unter den Teppich kehren. Beanstandungslose Anerkennung verdient jedoch zunächst einmal die Setlist. Mit "Nocturnal" ist ein Song vom Debütalbum am Start - durchaus interessant, weil Ray Alder, der damals nur bei einem Track als Gastsänger auftrat, in der Studioversion nicht zu hören war. Des Weiteren gibt es je vier Stücke von jedem der anderen Alben - eine gut zusammengestellte Mischung aus kompakten sowie episch langen Songs.
Die Band bringt diese Stücke auch ganz überwiegend mit erwarteter Finesse und großer Gelassenheit auf die Bühne. Ausgerechnet Ray Alder als prominentes Zugpferd erlaubt sich allerdings zu schwächeln. Er kann seine einzigartige und unverwechselbare Stimme nicht derart fesselnd in Szene setzen wie auf CD. Von Beginn an wirkt Alders Stimme angeschlagen und heiser; und er liegt an manchen Stellen auch mal haarscharf daneben. Leider versemmelt er auch ausgerechnet im traumhaften Viertelstünder "Sapphire" seine expressive, von instrumentalen Wundertaten umschlossene Gesangspassage
»And I'm holding out for a miracle
But I'm scared to let go of the bird in my hand
And afraid that I've run out of time for a second chance...«.
Eher zu erwarten waren Alders durchaus auch vorhandenen Glanzmomente: Das einfühlsame Intro von "Fall On You", das harte und aggressive Shouting in "Release", zum Beispiel. Und in "Memory", dem 'kleinen Bruder' von "Sapphire" leidet Ray so intensiv bei dieser wunderschön wehmütig-melancholischen Musik, singt Textzeilen wie »And your laughter pierces me/ When I stand beneath the open sky/ And your absence murders me/ As I sleep, perchance to die« mit großer Leidenschaft und Inbrunst, sackt beim Singen regelrecht in sich zusammen. So wundervoll wehmütig - ganz im Sinne des "Memory"-Zitats, das der DVD ihren Namen leiht: »I am frozen in the moment/ Clinging to your memory...«
Vor Formschwankungen eher gefeit als ein Sänger, präsentiert sich die instrumentale Abteilung der Band als tighte Einheit. Geradlinige oder komplexe Juwelen progressiver brachialer Hardcore-Melancholie werden runtergzockt, dass einem die Spucke wegbleibt. Die ineinander verwobenen Gitarren- und Keyboard-Melodien von Longtracks wie "Sapphire" (trotz Gesangsproblemen immer noch zum Heulen schön) und "Memory" könnten auch von Jim Matheos geschrieben worden sein - A Pleasant Shade Of Gray oder "Still Remains" sind da nicht so weit von entfernt, wobei die hoch technisierten Frickeleien in immensem Härtegrad schon eher in Richtung Symphony X( Paradise Lost) oder Dream Theater ("Train Of Thought") gehen.
Sehr intensiv wird bei kompakten Brechern wie "Threads" oder "The Death Of Faith And Reason" geknüppelt - das kommt live richtig gut rüber. Drummer Chris Quirarte (spielt auch noch bei Prymary) bearbeitet seine Schießbude mit dem energischen Enthusiasmus eines Klingonen beim Abendessen - ein Double Bass-Faktor, ausnahmsweise gar nicht im Stile von Fates Warning. Zusammen mit den fetten Bässen von Sean Andrews bringt er die Boxen gehörig zum Wackeln, und dies mit einem bemerkenswerten proggigen High Tech-Faktor, der in gutem, aber nicht perfekten, da leicht dumpfen Sound eingefangen wurde.
Dazu zaubern Bernie Versailles und Nick van Dyk bestaunenswerte Soli, die mit dem virtuosen Keyboardspiel zu hypnotisierend schönen, minutenlangen Instrumentalstrecken verschmelzen. Einziger kleiner Wermutstropfen sind die Verspieler, die sich Keyboarder Greg Hosharian leistet. Zugegeben - das sind höchste Schwierigkeitsgrade, höllisch schnelle Tastenläufe ohne große Konzentrationspausen, und da geht bei keinem noch so guten Keyboarder alles glatt. Doch es sind schon an die zehn unfreiwillige Blue Notes, die ich gezählt habe und auf die man bei mehrmaligem Hören gerade zu wartet - und das lenkt vom Hörgenuss ab.
Was vom 'Seh-Genuss' ablenkt, sind diverse Schludrigkeiten der Aufnahme mit immerhin fünf Kameras. Zwar war man sogar mit einer Kran-Kamera, die auch schöne Zufahrten liefert, gut ausgestattet. Trotzdem wimmelt es im Zusammenschnitt nur so vor inkonsequenten Schwenks, die zwischendurch stoppen und dann weitergehen und komischen Zwischeneinstellungen, auf denen anderthalb Musiker zu sehen sind. Außerdem verpassen die Kameras ein paar der schönsten Soli oder müssen den dazugehörigen Musiker erst einmal suchen.
Das scheinen mir die Nachteile zu sein, wenn man eine DVD auf einem Festival mitschneidet. Auch die suboptimale Leistung Ray Alders könnte damit zusammenhängen, dass Redemption als eine von vielen Bands vielleicht keinen perfekten Sound hatten - denn es kommt mir immer wieder vor, als höre sich der Sänger nicht richtig und müsse unnötig gegen die Band anschreien. Für einen weiteren Nachteil, nämlich die kurze Konzertdauer von nur rund 66 Minuten, wird man durch die beigefügte CD-Version des Gigs wieder versöhnt.
Das DVD-Bonusmaterial ist sehr sehenswert, und beweist wieder einmal, wieviel Spaß eine 'No-Budget-Produktion' bringen kann... In den Outtakes der Redemption-Support-Tour für Dream Theater im Sommer 2007 sehen wir, wie die Band als Riesen-Ameisen verkleidet beim Dream Theater-Auftritt die Bühne stürmt und wie Ray Alder an seinem Geburtstag von Mike Portnoy eine Torte ins Gesicht bekommt. Von der gleichen Tour stammt das mehr als zwölfminütige "Tour Diary" - der eigentliche 'Star' ist hier die Musik, denn die Bilder laufen, ziemlich cool auf die Musik geschnitten, zu einem bislang unveröffentlichten Redemption-Instrumentalstück. Weitere Zugabe: Das Musikvideo zu "Bleed Me Dry": Die Band spielt in einem geheimnisvoll ausgeleuchteten Setting, dazwischen Szenen einer Schauspielerin - sehr gelungen!
Unterm Strich bleibt eine DVD/CD-Veröffentlichung, bei der die Band sympathisch und authentisch rüberkommt, sich aber zum Teil unter Wert verkauft. Das scheint vor allem den Bedingungen geschuldet, unter denen Redemption die Show mitgeschnitten haben - man hat eben nicht die Kohle und nicht die Auftrittsmöglichkeiten für eine Headliner-Show, perfekt inszeniert in Ton und Bild. Neulingen seien erstmal die Studioalben der Band empfohlen - für Fans bleibt "Frozen In The Moment - Live In Atlanta" trotz der Schönheitsfehler hochinteressant.
Line-up:
Ray Alder (vocals)
Nick van Dyk (guitar)
Bernie Versailles (guitar)
Sean Andrews (bass)
Greg Hosharian (keyboard)
Chris Quirarte (drums)
| Tracklist |
01:Threads
02:Bleed Me Dry
03:Nocturnal
04:Memory
05:The Suffocating Silence
06:Release
07:Fall On You
08:Sapphire
09:The Death Of Faith And Reason
Bonus Material:
01:Tour Diary
02:Official Video For Bleed Me Dry
03:Outtakes And Tour Dates
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Externe Links:
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