Monatelang warfen die Ereignisse des 15. Dezember bereits ihre Schatten voraus, denn das Moonlight Metalfest 2012 sorgte in der Ankündigung für gleich zwei Attraktionen. Nicht nur, dass uns ein tolles Billing versprochen wurde, die Veranstaltung sollte gleichzeitig die erste Runde des sog. Metal Battle darstellen. Hierbei ging es darum, 'Nachwuchsbands' ohne Labelanbindung die Chance zu bieten, sich eine Auftrittsmöglichkeit bei zwei großen Festivals zu 'erspielen', dem Dokk'em Open Air und dem PPM (Power Prog & Metal Fest), das als größtes europäisches Indoor-Festival gilt. Dazu hatten sich die interessierten Bands vorab bei einer weltweit bekannten Video-Plattform per Videoclip vorzustellen und das Voting der allgemeinen Öffentlichkeit zu überlassen. Dutzende, wenn nicht sogar hunderte von Musikern aus halb Europa packten die Gelegenheit beim Schopf und präsentierten sich im WWW. Die ersten zehn Bands zogen triumphierend ins Halbfinale ein und fünf davon spielten beim Live-Battle in Tongeren auf (die zweite Hälfte der Bands wird ihre Gelegenheit im Februar im belgischen Charleroi bekommen).
 Mir sonst nur vom großen Flohmarkt her bekannt, erscheint die Eburonenhalle nun in vollkommen neuem Licht: Eine tolle Bühne dominiert an einer der Stirnseiten und lässt die nachmittäglichen Zuschauer erwartungsvoll der musikalischen Dinge harren. Die Reihenfolge des Auftretens der fünf Finalisten war vorher ausgelost worden und eine unabhängige Jury, der übrigens auch ein der Redaktion dieses Magazins namentlich bekannter Vertreter der deutschen Presse angehört, soll ihr Votum im Anschluss an alle Sets abgeben.
Den Anfang macht heute gegen 14:00 Uhr die belgische Truppe Hell City, die mir schon von einigen anderen Auftritten her bekannt ist und als female fronted mit Sängerin Michelle Nivelle bislang gut gefallen hat. Auch heute weiß das kurze Set (jede Band hat ca. 15 - 20 Minuten zur Verfügung) wirklich zu überzeugen. Die Fronterin untermalt den druckvollen Rock ihrer vier Jungs gekonnt am Mikro und sorgt mit professionellem Gebaren für eine runde Show.
Vortigyn, ebenfalls aus Belgien und ebenfalls mit Frontfrau, sind als nächstes an der Reihe und bieten schönen Gothic Metal, der mit der klaren Sopranstimme Esther Bortels' in die Weiten der Halle getragen wird. Schon nach diesem zweiten Auftritt wird klar, dass es sich am Ende nur um eine Entscheidung um Haaresbreite handeln kann - die qualitativen Unterschiede sind kaum spürbar und liegen wohl eher im Bereich des subjektiven Empfindens.
Auch der dritte Act des Tages kommt aus Belgien und stellt sich unter dem Namen John L. als Trio mit Bass, Schlagzeug und Gesang/Gitarre vor. Während der Basser zwar etwas unbeteiligt scheint, walzen die beiden Kollegen die noch nicht so richtig zahlreichen Zuschauer mit ihrer Mischung aus altem Hard Rock und Metal unterschiedlichster Couleur platt. Das sehr gitarrenorientierte Set kommt nicht nur bei mir gut an und ich mache mir schon mal einen kleinen Marker im Hinterkopf.
Jetzt wird es richtig international, denn die Elsässer von Midnight Sorrow geben sich die Ehre. Eine weitere Band mit Frontfrau, die auf einem ebenfalls hohen Niveau ihren sehr perfektionistischen Symphonic Metal an den Mann bringt. Sängerin Maureen weiß die Freunde dieses Genres nicht zuletzt durch ihre Stimme in ihren Bann zu ziehen und auch der Bandkollege an den Tasten hat seinen großen Auftritt, den er sehr gewissenhaft durchzieht.
Von südlich der Alpen, genauer gesagt aus der Heimat des Fiat 500, kommen die fünf Musiker von Soul Mask angereist und als sie loslegen, kann ich für mich nur feststellen, dass sich die Reise gelohnt hat. Eine flotte Mischung aus Prog und Power Metal legt das Quintett aufs Parkett und kann nicht zuletzt durch seinen Frontmann Marco deutliche Punkte nach Hause fahren. Ich könnte mir vorstellen, dass wir von diesen Jungs bestimmt noch mal hören werden.
 Nach der nächsten Umbaupause geht es munter mit dem internationalen Reigen weiter. Sieben Bands aus sechs Ländern Europas hat man aufs Tablett geholt und für den Anfang des zweiten Teils der Veranstaltung geht es nur schnell über die Grenze nach Friesland, und zwar das niederländische Friesland. Methusalem steht auf dem Plakat und die Jungs sind mir zwar schon bekannt, aber der Sänger soll neu sein und ich bin gespannt, wie der sich so macht. Kleiner Einschub: Neben der positiven Überraschung über die Qualität der ersten fünf Bands folgten im Laufe des Abends weitere Acts, bei denen man nur mit offenem Mund dastehen konnte. Der Fronter von den Friesen, Nick Holleman, ist ein offensichtlicher Glücksgriff für die Band, so einer gehört auf die Bühne! Stimmgewaltig bis in höchste Höhen macht er eine Show, die passend mit "Frisian Metal Warriors" eröffnet wird und die der kernigen Mucke Marke Heavy/Power Metal bestens zu Gesicht steht. Berücksichtigt man dabei auch noch die Tatsache, dass es gerade mal sein zweiter Auftritt mit der Band ist, dann bleibt nur ein lautes 'Hut ab!' zu rufen.
 Als nächstes gibt es eine Weltpremiere für die langsam zunehmende Zuschauerzahl. Sunburst aus der südöstlichsten Ecke Europas, sprich Griechenland, geben den ersten Auftritt ihres verhältnismäßig jungen Bandlebens. Mit ihrer Melange aus melodischem Prog-Metal weiß die Truppe um den Saitenhexer Gus Drax (u. a. Biomechanical) das Publikum mehr als zu begeistern. Ihm war allerdings auf der Anreise seine schwarze Axt verloren gegangen und so stand das Gelingen des Auftritts im Vorfeld länger in den Sternen - aber Klampfe gefunden, alles gut. Gus ist mir von einem früheren Besuch in nördlicheren Gefilden persönlich bekannt und ich habe ihn auch schon spielen sehen und hören, allerdings 'nur' in gemäßigteren Dimensionen. Was er hier in Tongeren für ein Feuerwerk auf seinen Saiten abbrennt, das ist schon sehr beeindruckend und nicht wenige sachkundige Beobachter stehen ganz vorn an der Bühne, um nur ja keinen Lick zu verpassen. Aber auch der Rest der Band macht eine wahrlich gute Figur, nicht zuletzt durch das Vermögen des Sängers Vasilis Georgiou, der auch auf ganzer Front zu überzeugen weiß. Bald gibt es eine CD und wir freuen uns schon - und werden darüber natürlich in diesem Kino berichten.
 Jetzt wird es Zeit für ein weiteres vokales Leckerchen, denn Saint Deamon stehen mit ihrem Frontmann Jan Thore Grefstad auf der Liste und ich habe mich schon sehr auf diesen Act gefreut. Grefstad hatte ich kürzlich erst bei einem Clubkonzert kennengelernt und bin jetzt sehr gespannt, wie er sich mit seiner Stammcombo und speziell 'Nobby' Noberg am Tieftöner macht. Live sind sie mir bislang in dieser Besetzung aus welchen Gründen auch immer noch nicht untergekommen und nicht nur ich drängte ganz nach vorne. Der erwähnte Basser 'Nobby' lässt von Anfang an keinen Zweifel, dass er für Spaß aus Skandinavien nach Belgien gereist ist und auch seine Kollegen Toya Johansson an der Gitarre sowie 'Neuling' Oscar Nilsson, der den Ur-Drummer Ronny Millianovicz 2011 an den Fellen abgelöst hat, brauchen wenig Anlaufzeit für eine tolle Show. Grefstad selber macht den fähigen Shouter und zieht das Publikum mit seiner Variabilität voll in den Bann des melodischen Metal aus dem hohen Norden. Das macht zusammen mit den beiden anderen Bands schon drei Highlights des Abends - und es soll so weitergehen.
 Für meine aus dem belgischen Mons stammenden Freunde von Max Pie hebt sich nach einer kurzen Pause dann der virtuelle Vorhang. Tony & Co. sind mir ja schon häufiger über den Weg gelaufen und ich beobachte mit Freude eine stetige Steigerung in der musikalischen Darbietung. Es ist ja noch nicht so lange her, dass gleich zwei von vier Bandmitgliedern ihren Hut genommen haben, aber ein einschneidender Bruch ist in keiner Weise eingetreten. Sowohl Gitarrist Damien und Drummer Sylvain haben sich mit den beiden Kollegen Tony am Mikro und Oli am Bass hervorragend arrangiert und hauen ihren progressiv angehauchten Metal aus den Boxen. Die Setliste ist mir gut bekannt und so kann ich neben dem Fotografieren eher auf Feinheiten in der Performance achten. Von Mal zu Mal werden die Jungs ausgereifter und als Band zu einer sehr tighten Angelegenheit. Was mich freut, ist die bereits an anderer Stelle erwähnte Tatsache, dass wir bald ein neues Album bekommen werden und heute geben Max Pie mit "Reborn" auch eine Kostprobe davon als gelungenen Appetithappen auf den Rundling, der im Frühsommer ins Haus stehen soll.
 Jetzt wird es klassisch, um nicht zu sagen legendär. Savage, NWoBHM-Ikonen aus längst vergangenen Zeiten, haben ihr Kommen angekündigt und sind für mich eine der weiteren freudig erwarteten Attraktionen dieses Sonnabends. Allein die Story, warum und wie die Band hier in Belgien überhaupt auftritt, ist schon eine eigene Reportage wert (aber Näheres dazu nur in einer stillen Stunde und beim Bierchen…). Wie es sich für einen artigen Konzertgänger gehört, hatte ich schon Wochen vor dem Termin mal in meinem CD-Bestand gewühlt und in der Tat zwei oder drei alte Scheiben gefunden. Es soll ja verbrieft sein, dass sich die Band bereits in den frühen achtziger Jahren in die Ohren von Metallicas Lars Ulrich gespielt hat. Dieser soll dann dafür gesorgt haben, dass seine Kollegen mit einem Cover einer Savage-Nummer den Durchbruch schafften. Wie auch immer, heute stehen sie vor mir, die Gründungsmitglieder Andy Dawson und Chris Bradley, unterstützt von Chris' Sohn und Andys Neffen Kris Bradley und Schlagzeuger Mark Nelson. Es muss über zehn Jahre her sein, dass die Band mal in erreichbarer Nähe aufgetreten ist (klar, sie war in Wacken und bei anderen Festivals, aber so hautnah…). Auf jeden Fall wird der gute alte Metal gehämmert, als gäbe es kein Morgen, das Publikum ist begeistert und auch hinter der Bühne flippt der Stage Manager exstatisch aus. Die Band haut trotz einer äußerst engen Zeitplanung mit kurzen Pausen für Change Overs etc. mit großer offensichtlicher Freude sogar noch eine Zugabe raus. Auch im Anschluss präsentiert sich eine Truppe ohne Berührungsängste, spendiert Bier aus dem Backstage und gibt sich offen und kommunikativ. Catch you in June, lads!
 Wo wir schon mal bei der NWoBHM sind, können wir ohne Unterbrechung mit einer weiteren Legende anknüpfen, denn als nächste Band steht Tank auf der Einladung. Wie auch Savage stammt sie aus den frühen Achtzigern und setzt sich neben den Ur-Mitgliedern Cliff Evans und Mick Tucker aus Chris Dale am Bass, Steve Hopgood an den Trommeln sowie seit ein paar Jahren Doogie White am Mikro zusammen. Neben den beiden Alben War Machine (2010) und War Nation (2012) hat die Band in der aktuellen Zusammensetzung unlängst auch noch eine DVD auf den Markt gebracht. Ihre Auftritte in näherer Umgebung sind nach wie vor eher an den Fingern einer einzigen Hand abzuzählen und ich lasse keine Gelegenheit aus, sie zumindest einmal pro Jahr auf meiner persönlichen Liste zu haben. Ist halt kernige NWoBHM (in neuer Form, werden jetzt die Doogie White-Kritiker schreien, aber das ist mir vollkommen Brause). Sicherlich liegt die Ursache für die wenigen Shows auch darin begründet, dass Mr. White ein vielbeschäftigter Mann ist, der nebenbei noch Schenkers Michael, Demon's Eye, La Paz und was-weiß-ich-noch für Combos bedienen muss. Heute Abend bekommen wir leider ein sehr kurzes Set, dessen Länge offensichtlich extern begründet ist. Ganze sieben Songs lang dürfen wir der Stimme von Doogie White lauschen, während die Band die alten Stücke in die Halle hämmert. In der ersten Reihe stehen u. a. die Jungs von Savage und rocken kräftig mit ab. Ein kurzes und kräftiges Set, bei dem ich mir noch mehr und noch andere Hits der Briten wünsche. Aber der Vorhang fällt unerbittlich und wir müssen tapfer bleiben.
 Zudem ist es ja nicht so, dass der Abend schon zu Ende ist, denn jetzt folgt mit Vision Divine erneut ein Schritt in eine andere Ecke von Europa. Die Italiener um Fabio Lione sind schon seit einigen Stunden durch die Halle gewuselt, haben sich die Marktbegleiter angesehen und offensichtlich auch in die richtige Stimmung gebracht. Die Länge der Umbaupause scheint mir etwas ausgedehnter zu sein, aber die Perfektionisten aus dem Land von Pizza und Lambrusco müssen es halt korrekt haben. Das Set ist dann eine bravouröse Vorstellung feinsten melodischen Heavy Metals mit einem mächtigen Spritzer Tastenwerk Alessio Lucattis. Alles wird vom Frontmann Fabio Lione fein rübergebracht - seine stimmlichen Qualitäten sind ja einfach unbestritten und er enttäuscht auch heute nicht ansatzweise. Mit über die Alpen haben die Jungs ihr neustes Werk gebracht, dessen Rezension des geschätzten Kollegen Boris mir noch gut in den Ohren klingt und ich muss dann doch mal für mich selber sehen, ob ich der Argumentation folgen kann. Nun ja, live ist das bekanntermaßen immer eine andere Sache und zudem werden ja auch in der Regel mehr als nur die Songs eines einzigen Albums gespielt. Ich kann das Dargebotene nur als perfekte Inszenierung einiger neuer, aber auch vieler alter Songs betiteln. Das drohende Ende der Veranstaltung vor Augen, will natürlich niemand die Band so einfach von dannen ziehen lassen, aber irgendwann schlägt dann die Sperrstunde erbarmungslos zu und die Halle (mitten im Ort) muss sich zwangsläufig leeren.
Zwischendurch waren übrigens noch die heutigen Gewinner des Metal Battle bekanntgegeben worden. Hell City haben das Rennen gemacht während an zweiter Stelle Soul Mask kommen und John L. auf Platz drei rangieren. Die Entscheidung war wirklich äußerst knapp ausgefallen und nicht ohne ein gewisses Hin und Her an Argumenten gefällt worden. Der belgische Kollege Frank Janssens und ein Abgesandter der RockTimes-Redaktion spielten dabei eine gewichtige Rolle. Wie auch immer, Glückwunsch an alle fünf Bands zur Teilnahme an dieser ersten Endrunde und an die letztendlichen Sieger zu ihrem musikalischen Vermögen.
Herzlichen Dank an die Organisatoren für ein tolles Line-up, die freundliche Akkreditierung durch Jim von Moonlight und alle Bands für ihre Performance. Es ist allerdings eine Schande, dass nicht mehr Zuschauer in Tongeren gewesen sind. Was muss man noch an Land ziehen, für kleines Geld übrigens, um die ganzen faulen Socken hinterm Ofen rauszulocken? Hier gab es feinste Unterhaltung und tolle Namen zu sehen und zu hören sowie wegen der frei zugänglichen Bar die Möglichkeit, zwanglos mit einigen der Musiker zu reden. Wer nicht dabei war, ist selber Schuld - kann es allerdings im Dezember 2013 wieder gutmachen, wenn es erneut heißt: Tore auf für das Moonlight Metalfest!
Bilder vom Event
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